Interviews

mit Gitarrenspieler der alpenländischen Volksmusik

Die Gespräche wurden 1992 geführt und aufgenommen.

Klaus Karl

»Ich versuche natürlich, ökonomisch zu spielen«

Interview mit
Klaus Karl

Können Sie etwas über Ihre Person sagen und wie sie zum Gitarrenspielen gekommen sind?

Ich bin geboren in Salzburg und aufgewachsen in Völklabruck. Mein Vater war Volksschullehrer und Gitarrist. Die Grundlagen des Gitarrenspiels zeigte ihm ein gewisser Professor Tremmel aus Linz, ansonsten hat er sich die Techniken selbst angeeignet. Mein Vater spielte Klassikgitarre mit dem Kuppenanschlag, weil er nicht wusste, dass man mit Nägel anschlagen konnte. Das habe ich später in Wien, bei Segovia und anderen gesehen.
Ich wollte zunächst einfach das Begleiten, sozusagen für den Hausgebrauch lernen. An einem Volkshochschulkurs von meinem Vater (Sepp Karl), lernte ich dann die Grundlagen der klassischen Gitarrentechnik. Als Student in Wien, ich studierte Welthandel (Sozialökonomie), war ich bei verschiedenen Gitarristen zum „Schnüffeln“, so zum Beispiel auch bei Luise Walker.
Von meiner Interessenslage kam ich dann mehr zur Volksmusik. Mir gefiel die Musik von Tobi Reiser. In den ersten Versuchen zu Musizieren fand ich zu dem Spiel von meinem Vater Melodien dazu. Man nennt das bei uns: „Einifabeln“. Das war sozusagen der Anfang.
In dieser Phase merkte ich, dass es wenige Gruppen gibt, die einen gute Rhythmus haben, und viele die keinen haben. Die Ursache dafür interessierte mich. Es gab zwei Gruppen, die diesen guten Rhythmus hatten, das war auf der Seite der Volksmusik: Tobi Reiser, und auf der volkstümlichen Seite: die Oberkrainer. Aber warum? In beiden Fällen ziehen die Melodieinstrumente ein bisschen, die Begleiter bremsen minimal. Diese Spannung ergibt dann auch diesen speziell guten Rhythmus.

» … ziehen die Melodieinstrumente ein bisschen, die Begleiter bremsen minimal. Diese Spannung ergibt dann auch diesen speziell guten Rhythmus. «

In welcher Besetzung musizieren Sie?

Mit meinem Vater spielte ich Gitarrenduo, eigentlich sehr lange und gerne. Es waren meistens Stücke von ihm und ich improvisierte dazu.
Beeinflusst durch Tobi Reiser kam dann das Bedürfnis, mit einer etwas größeren Besetzung zu musizieren. Es entstand die Ottensheimer Saitenmusi mit Hackbrett, Melodiegitarre die ich spielte, Begleitgitarre und Bassgeige. Diese Formation eröffnete für mich neue Aspekte und brachte mir viele Ideen und Einfälle für neue eigene Melodien.
Eine für mich hochstehende Kombination ist ein Trio das immer noch existiert: das Bloachbach-Trio mit Schwab Franzi an der Zither, Hannes Hillbrand an der Begleitgitarre und ich an der Melodiegitarre.
Eine meiner Wunschvorstellungen war, eine Klarinettenmusik mit drei Klarinetten. Obwohl es dies noch nicht gab, hatte ich die Vorstellung von drei Klarinetten im Ohr. Es entstand die Gress’n-Musi: einerseits die Klarinetten-Musi mit drei Klarinetten, Harfe, Tuba und Steirische Harmonika, andrerseits später die Soat’n-Musi mit Melodie- und Begleitgitarre, Zither, Harfe und Bassgeige.

Wie ist das Duoheft: „Alpenländische Weisen“ (Heft 6), das Sie mit Ihrem Vater zusammen publizierten, entstanden?

Ich spielte die zweite Gitarrenstimme, eine Füllstimme, dazu und zwang mich mehr oder weniger dies zu Papier zu bringen. Ich wollte mir eigentlich die Freiheit bewahren, bei jedem mal Spielen, was anderes zu spielen.

» Ich wollte mir eigentlich die Freiheit bewahren, bei jedem mal Spielen, was anderes zu spielen. «

Gibt es für Sie Kriterien, wonach der Bau oder die Form einer Gitarre, für die Verwendung in der Volksmusik berücksichtigt werden sollte?

Meine erste Gitarre bekam ich von meinem Vater, sie stammt von einem Lambacher Gitarrenbauer. Sie ist holzwild verzogen, lässt sich aber trotzdem gut spielen. Die zweite Gitarre habe ich von einem Mathematikprofessor, der sich mit dem Gitarrenbau befasst hat, extra bauen lassen. Diese Gitarre ist um zwei Bünde erweitert, so dass ich nach meinem „System“ Bb- und C-Dur in den hohen Lagen spielen kann. Der Klang dieser Gitarre war am Anfang nicht so gut, hat sich aber mit der Zeit ganz gut entwickelt. Für unsere Art von Volksmusik, ist mir die Verwendung einer normalen Gitarre lieber, oder normale Gitarre und Kontrabass, als eine Kontragitarre. Die Kontragitarre drückt für mich wienerische oder münchnerische, also städtische Volksmusik aus. Für solche Melodien, die meist etwas komplizierter sind, ist die Kontragitarre geeigneter.

Könnten Sie über allgemeine Richtlinien beim Begleiten etwas sagen?

Das Begleiten auf einer Konzertgitarre ist schon vorweg problematisch, weil sie von der Dynamik des Klanges schwierig zu bändigen ist. Eine etwas flachere, und kürzer klingende Gitarre ist zum Begleiten besser, weil der Zweck des Begleitens ist den Rhythmus hervorzubringen und nicht die Melodie. Es ist klar, dass Akkorde und Bassgänge klingen sollen, aber die Begleitgitarre soll die Melodie nicht stören sondern unterstützen.
Als Melodiespieler schlage ich mit den Nägeln an. Wenn ich Begleitung spiele, so bereitet mir das Abstoppen mit dem Daumen Schwierigkeiten, weil der Daumennagel stört und es zum Abstoppen eine extra Bewegung braucht.
Als Begleiter würde ich die Saitenhöhe beim Steg so einstellen, dass die Saiten flacher auf dem Griffbrett aufliegen und beim Anschlagen auf dem Griffbrett aufschlagen und so ein bisschen rasseln.

» … die Begleitgitarre soll die Melodie nicht stören sondern unterstützen. «

Welche Gitarrentechniken verwenden Sie in Ihrem Spiel?

Obwohl in den Ausschreibungen unserer Seminare, Teilnehmer für Melodiegitarre gesucht werden, wollen viele der Teilnehmer nur begleiten lernen. Ich versuche den Leuten dann zu erklären, dass sie die Grundlagen des Melodiespiels lernen sollen, weil das Gitarrenspiel nur mit der richtigen Haltung und Technik entwicklungsfähig ist. Das mühsame Umlernen bleibt ihnen dann erspart. Das Begleiten mit der gleichen Haltung lernt man nebenbei.
Ich hab mir angewöhnt so zu spielen, wie es mir gerade einfällt. Mein Vater ist der Analytiker, der dem nachgeht. Er schaut mir beim Spielen zu und fragt: Warum machst du es so, und warum machst du es so? Ich will es nicht wissen, weil ich sonst beim Spielen gehemmt wäre. Ich versuche natürlich, ökonomisch zu spielen. Genauso beim Begleiten, zum Beispiel in Es-dur bei einer schwierigen Griffweise hebe ich die Finger nach dem Anschlag ab, damit ich nicht verkrampfe.

» … weil das Gitarrenspiel nur mit der richtigen Haltung und Technik entwicklungsfähig ist. «

Könnten Sie auf der Gitarre ein Beispiel einer Polka- und Walzer-Begleitung spielen?

Grundsätzlich ist die Art der Begleitung abhängig von der Melodie oder dem Musikstück als Ganzes. Beim Begleiten tendiere ich zum Abstoppen, sowohl der Bässe, als auch der Akkorde. Ich warne aber davor, dies zu verallgemeinern. Damit der Rhythmus einen sogenannten „Zwick“ hat, bringt das Abstoppen sehr viel.
Den sogenannten „Geschlapften Anschlag“, habe ich Tobi Reiser abgeschaut, beziehungsweise abgehört. Diese Anschlagsart imitiert meines Erachtens den Trommelschlag, wie so vieles in der Volksmusik imitiert wird, wie zum Beispiel das Echo.

Beschreibung:
Polka-Begleitung (2/4 Takt):
Die Bässe auf den Grundschlägen werden kurz gespielt. Der Daumen legt an der nächsten Saite an und dämpft die angeschlagene Saite mit der Daumenkante, unmittelbar nach dem Anschlag. Die Akkorde auf den Nachschlägen werden auch kurz gespielt. Die Finger dämpfen unmittelbar nach dem Anschlag, indem sie auf die angeschlagenen Saiten aufsetzen.

» Damit der Rhythmus einen sogenannten „Zwick“ hat, bringt das Abstoppen sehr viel. «

Walzer-Begleitung (3/4 Takt):
Die Bässe auf dem Grundschlag werden grundsätzlich lang gespielt. Der Daumen legt nicht an. Daumen und Finger dämpfen gleichzeitig nach dem ersten Nachschlag. Die Akkorde auf den Nachschlägen werden beide kurz gespielt, wie bei der Polka- Begleitung. Die Finger dämpfen unmittelbar nach dem Anschlag, indem sie auf die angeschlagenen Saiten aufsetzen.

Welche Techniken verwenden Sie im Melodiespiel?

Bevor ich für das Melodiespiel ein „System“ gefunden hatte war das Hauptproblem für mich, auf dem Griffbrett irgendwo herumzusuchen und keine Sicherheit zu haben. Ich hörte wie der Ton klingen sollte, fand ihn aber nicht schnell genug. Nach diesem „System“ bleibe ich in einer Lage, sollte es darüber hinaus gehen, kann ich nach unten oktavieren oder in das nächste „System“ übergehen. Die Dreiklänge liegen auch günstig, so dass sämtliche Elemente unserer Volksmusik enthalten sind.
Bei den Seminaren unterrichte ich mit diesem „System“ und erkläre den Leuten vereinfacht mit dem Griffbild die Tonleiter, die sie dann auf und ab spielen sollen.

Auf dieser Tonleiter werden dann Melodien „auswendig“ (nach Gehör) gespielt.
„Auswendig“ spielen kann man nur das, was man kennt, beispielsweise ein Lied oder ein Volkstanz.

Transponiere dann die Melodien, beispielsweise in die IX Lage nach A-dur. Innerhalb der kürzesten Zeit können dann die Leute, mit diesen einfachen Mitteln, einstimmige Melodien spielen. Weiter geht es, indem die „Zweite Stimme“ und die „Dritte Stimme“ dazugespielt werden. Wenn ich den Teilnehmer von Seminaren die Technik auf Grund meiner Stücke vermittle, sollen sie die Technik lernen aber zu Hause selber nach alten, traditionellen Stücken suchen. Ich bin dagegen, dass alle die gleichen Stücke spielen.
Meine Kollegen machen genau das gleiche auf der Harfe, Steirischen Harmonika, Zither und Hackbrett.

Ist der Fingersatz wichtig für das Melodiespiel?

Ja, der Fingersatz ist sehr wichtig. Mein Ziel war ja, zu einer Melodie die ich noch nie gehört habe, sofort dazuspielen zu können, egal ob in Es- oder As-dur musiziert wird. Durch das Verschieben von diesem Fingersatz ist es mir gelungen, dieses Ziel zu erreichen.

» Ja, der Fingersatz ist sehr wichtig. «

Kann man Volksmusik auf der Gitarre solo spielen?

Ja natürlich! Im Wechsel zu mehreren Instrumenten finde ich es interessant, sogar einstimmige Melodien zu spielen.
Am Anfang einer Entwicklung eines Musikanten ist, dass er immer alles spielen will, was er spielen kann (3- bis 4-stimmig). Dies ist fürchterlich für den Zuhörer, aber wichtig für den Musikanten. Jeder durchläuft eine solche Phase der Entwicklung. Es muss dann eine Reduzierung kommen: was ist zuviel, was klingt schöner usw.
Wir hatten bei unserer Saitenmusik-Besetzung schon immer das Problem, dass jeder, an der Harfe, an der Melodiegitarre und an der Zither, „ad hoc“ die Melodie ein-, zwei- oder sogar dreistimmig spielen kann. Aus dieser Situation heraus kam die Erkenntnis: es muss arrangiert werden.
In einem Trio ist es einfach, der Erste „spielt an“, der Zweite „dazu“ und Dritte spielt die Begleitung. Bei drei Melodieinstrumenten muss arrangiert werden. Auch hier kam dann die Erkenntnis: dass, wenn ununterbrochen dreistimmig gespielt wird, es langweilig ist, also wird reduziert und nochmals reduziert.

» In einem Trio ist es einfach, der Erste „spielt an“, der Zweite „dazu“ und Dritte spielt die Begleitung. «

Eigentlich wollte ich mit der vorhergehenden Frage die Stücke Ihres Vaters ansprechen: „Alpenländische Weisen“ von Sepp Karl (Heft 1 bis 5). Diese Stücke sind für Gitarre Solo geschrieben, was für die Volksmusik eher atypisch ist.

Das ist richtig. Mein Vater ist ein reiner Solist. Er hat vorwiegend alleine gespielt, mein Dazuspielen war zusätzlich. In seinen Stücken hat er Bassdurchgänge gesucht, damit die Melodie sozusagen nicht in der Luft hängt.
Für mich war das Solospiel nicht so wesentlich. Wenn ich einen Begleiter brauchte, so habe ich immer einen gefunden.

Spielen Sie Musikstücke aus dem traditionellen Bereich der Volksmusik oder spielen Sie eigene Stücke?

Zu etwa 90 Prozent sind es „selbstgestrickte“ Stücke, wobei ich mir sehr strenge Regeln auferlege, was den Stil anbelangt.
Ich spiele vorwiegend vier Gattungen: Polka, Walzer, Boarischer und Weis.

Ihr Vater verwendet bei seinen Stücken öfters die Subdominante (IV Stufe), was in der traditionellen Volksmusik eher eine Ausnahme ist.

Das ist ein alter Streit unter den Gelehrten. Bei einer Zusammenstellung aller Volkstänze als Beispiel, wird man feststellen, dass die meisten Melodien die Subdominante enthalten. Ich meine, dass man bei vielen Stücken künstlich eine Subdominante einbringen kann. Das ist nicht falsch. Man sollte aber vorsichtig und zurückhaltend sein und es nicht ausschließen.
Ich halte es mit Tobi Reiser der sagte: „Wenn wir nicht so oder so gespielt hätten, dann hätten die nichts zum Einteilen.“

» Wenn wir nicht so oder so gespielt hätten, dann hätten die nichts zum Einteilen. «

Welche musikalische Form haben Ihre Stücke?

Über die Form meiner Stücke habe ich mir eigentlich noch keine Gedanken gemacht, dies habe ich im Gefühl.
Eine Eigenart der Salzburger ist es, dass sie den zweiten Teil oft nur einmal spielen.

Wie spielen Sie beim Begleiten die Wechselbässe?

Beim Begleiten gibt es bei der Frage der Wechselbässe von Gegend zu Gegend sehr unterschiedliche Meinungen. Bei uns spielen die jungen Musikanten in der Dominante (V Stufe) zuerst den Wechselbass (Quintton), während im Salzkammergut immer zuerst der Grundbass (Grundton) kommt. Aus meiner Sicht kann das jeder so handhaben wie er will, begleiten aber zwei Instrumente wie Bassgeige und Gitarre, so müssen sie die gleichen Bässe spielen. Wenn ich jetzt zum Beispiel mit meiner Tuba ins Salzkammergut fahre, so stelle ich mich um, weil ich das Spiel der Wechselbässe anderes gewohnt bin.

Wie bezeichnen Sie die verschiedenen Melodiestimmen im Zusammenspiel und wie spielt man eine „Dritte Stimme“ dazu?

Die Melodiestimme bezeichne ich als „Hauptstimme“. Sie hört meist mit dem Grundton auf. Bei vielen Landlern kann es sein, dass die Schlusswendung nicht auf dem Grundton, sondern auf der Terz endet. Die sogenannte „Zweite Stimme“ ist dann eine Terz darüber, beziehungsweise oktaviert eine Sexte darunter.
Die „Dritte Stimme“ ist eine Füllstimme, die für sich alleine gehört, keine Melodie ist, da sie „komisch“ klingt.
Auf die Frage, wie lerne ich eine „Dritte Stimme“, gibt es zwei Möglichkeiten: man probiert durch dazuspielen aus oder man schreibt die Melodien auf und ergänzt jeden Zweiklang zu einem Dreiklang. Ist sie fertig aufgeschrieben, lernt man sie alleine zu spielen, um sich an sie zu gewöhnen.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel einer Tonfolge:
c1 d1 e1 : ist die „Hauptstimme“
e1 f1 g1 : ist eine Terz darüber die „Zweite Stimme“
g g c1 : ist darunter die „Dritte Stimme“

Im Grunde genommen empfindet man die höchste Stimme als Melodie, also die „Zweite Stimme“. Viele Musikanten aus Bayern und Salzburg legen grundsätzlich die „Dritte Stimme“ darüber. Dies kritisiere ich vehement. Der Zuhörer, der die Melodie nicht kennt, hat keine Chance sie kennen zu lernen, weil er die höchste, also die „Dritte Stimme“ als Melodie hört.

Kann man die Art und Weise des Musizierens in der Volksmusik lernen?

Grundsätzlich ist es möglich, alles zu lernen. Es ist nicht eine Frage des Talentes, sondern des „sich mit etwas Befassens“. Natürlich tun sich manche Leute etwas schwerer, manche etwas leichter zu lernen.
Ich selbst lerne viel dazu, wenn ich mich beim Vermitteln methodisch mit der Volksmusik auseinander setzte.

Gibt es für Sie den Unterschied zwischen „Musiker“ und „Musikant“?

Ich unterscheide eigentlich sehr streng zwischen „Musiker“ und „Musikant“. Der „Musiker“ spielt immer richtig und der „Musikant“ spielt immer besser, je besser er gelaunt ist.
Der Musikant hat natürlich auch die Tendenz zur „Blödlerei“ und wehe das wird im beschnitten, dann ist er keiner mehr. Die Gefahr ist, wenn dies andere nachspielen und als Volksmusik empfinden, und nicht als „Blödlerei“. Auch bei Tobi Reiser trifft man auf eine solche lustige und vergnügliche Art des Musizierens, zum Beispiel durch Tonart- oder Rhythmuswechsel oder auch durch den Wechsel von Dur nach Moll.
Auch wir haben bewusst auf unserer CD „Greß’n-Musi“ zwei solche „Blödlereien“ drauf.

» Der „Musiker“ spielt immer richtig und der „Musikant“ spielt immer besser, je besser er gelaunt ist. «

Fühlen Sie sich als Vertreter einer bestimmten Musiklandschaft?

Nein. Mir wurde aber schon öfters gesagt, dass ich durch meine Stücke die Zuhörer zum Attersee hingeführt hätte, oder dass in meiner Musik das Mühlviertel zu „sehen“ wäre. Wenn so etwas in meiner Musik zum Ausdruck kommt, so freue ich mich natürlich.

Interview: René Senn
Das Gespräch wurde am 12.06.1992 in Ottensheim aufgenommen.
(Archiv: R. Senn)

Wolfgang Neumüller

»Ich habe die Technik auf meine Vorstellung des Gitarrenklanges eingerichtet.«

Interview mit
Wolfgang Neumüller

Können Sie etwas zu Ihrer Person sagen und wie Sie das Musizieren begonnen haben?

Ich bin 1947 in Holzkirchen, im bayerischen Oberland, geboren. In der Familie musizierten beide Elternteile. Die Mutter spielte Klavier und der Vater war das, was man einen Volksmusikanten nennt. Zuerst spielte er auf dem Akkordeon einfache Unterhaltungsmusik. Mit Tobi Reiser als Vorbild hat er den Weg zur Volksmusik gefunden und die Musik von ihm nachgespielt.
Als junger Bub hatte ich die Gelegenheit, die Instrumente, die da waren auszuprobieren, so zum Beispiel: Hackbrett, Akkordeon und Harfe, später dann auch die Gitarre. Während ich auf diesen Instrumenten zu musizieren versuchte, lief gleichzeitig eine klassische Ausbildung auf dem Klavier, die ich mit 6 Jahren begonnen hatte. Im Alter von 14 Jahren hatte ich den Wunsch Musiklehrer zu werden. So wurden hinsichtlich der Ausbildung die Weichen gestellt. Weil damals nur Geige und Klavier zugelassen war, lernte ich als zweites Instrument die Geige. Nebenher verfolgte ich immer den volksmusikalischen Zweig. Ich musizierte mit Freunden zusammen in der Besetzung mit zwei Gitarren und Zither. Wir spielten – wie mein Vater – die Stücke von Tobi Reiser nach, entweder nach Noten oder wir haben uns die Stücke abgehört.
Ich hatte dann die Lehrtätigkeit an einem Gymnasium in Marktredwitz aufgenommen. Später zog es mich ins Chiemgau, wo ich seit 20 Jahren am Gymnasium in Rosenheim unterrichte. Mein damaliger Schulleiter ermöglichte mir einen Wahlunterricht für Volksmusik einzurichten.

» Mit Tobi Reiser als Vorbild hat er den Weg zur Volksmusik gefunden… «

Haben Sie auch in der Familie mit Geschwistern oder Ihrem Vater musiziert?

Ich bin das einzige Kind. Mein Vater musizierte in einer Gruppe mit fünf Leuten. Als 17-jähriger bin ich für den Hackbrettspieler eingesprungen und so in die Gruppe hineingewachsen.
Mein Vater und ich hatten noch die Gelegenheit mit dem Kiem Pauli zusammenzukommen. Auch mit Tobi Reiser trafen wir uns gelegentlich. Wir waren eigentlich sehr aktiv zu dieser Zeit.

Wie haben Sie das Gitarrenspiel gelernt?

Ein Schulfreund konnte auf der Gitarre ein wenig Begleitung und Melodie spielen. Ich hatte auf seiner Gitarre etwas herumprobiert und äußerte dann zu Hause den Wunsch, Gitarre spielen zu wollen. An Weihnachten lag dann eine 60-Mark-teure Sperrholzgitarre mit einer Gitarrenschule unter dem Weihnachtsbaum. Im Selbstunterricht versuchte ich meine ersten »Gehversuche«.
Ein Freund meines Vaters spielte klassische Gitarre und gab mir verschiedene Tipps, ohne dass dies die Form eines Unterrichtes annahm. Er hat mir auch seine Gitarre geliehen, da meine so schlecht zu spielen war.
Ich hab mir dann viele Aufnahmen von Tobi Reiser angehört und mich gefragt: Wie macht er das? Wie klingt das? Was muss ich tun, dass es auch so klingt? So hatte ich versucht mein Gitarrenspiel ohne Unterricht weiter zu entwickeln.

» Was muss ich tun, dass es auch so klingt? «

Spielen Sie auf der Gitarre mehrheitlich Begleitung oder Melodie?

Am Anfang spielte ich kleine Solostücke aus der Carcassi-Schule. In dem Trio mit zwei Gitarren und Zither spielte ich entweder die Begleitung oder die Melodie. Heute spiele ich im Gitarrenduo mit meiner Freundin Uschi Mader zusammen. Ich spiele die Melodie und sie die Begleitung. Spielt sie die Harmonika, so spiele ich die Begleitung. Mit Günther Arnold, der die dritte Gitarre spielt, bilden wir auch ein Gitarrentrio. Insgesamt bin ich eher ein Melodiespieler.

Wie sind Ihre Notenhefte (Gitarrenstückl 1 und 2) entstanden? Haben Sie die Stücke zuerst gespielt, oder haben Sie die Stücke aufgeschrieben und dann gespielt?

Zuerst spielten wir die Stücke. Das erste Heft ist vor etwa 17 Jahren entstanden. Wir nannten uns das Hugl-Gitarrentrio und waren die ersten, die in unserer Gegend mit drei Gitarren musizierten. Ich machte selber Stücke, übte und studierte sie ein und dann spielten wir sie vor. Auf einer Veranstaltung in Riedenburg bot mir Herr Preißler an, die Stücke in seinem Verlag zu publizieren. Der Bayerische Rundfunk hat damals diese Stücke mit uns aufgenommen.
Alles ging sozusagen Hand in Hand: einerseits selber Stücke zu machen, dann die Aufnahmen mit dem Bayerische Rundfunk und das Angebot die Noten zu publizieren.

Wie ist die »Zweite« und »Dritte Stimme« entstanden? Haben Sie sich die Melodien vorgestellt und weitere Stimmen aufgeschrieben, oder haben Sie die Melodien aufgenommen und weitere Stimmen dazugefunden, oder ist es im Zusammenspiel durch Ausprobieren entstanden?

Alle diese Möglichkeiten, die Sie angesprochen haben, waren vertreten. Teilweise übten wir zusammen und haben vieles ausprobiert. Danach notierte ich mir die einzelnen Stimmen aus dem Gedächtnis. Es war auch so, dass ich ein Stück im Kopf hatte und gleichzeitig die Vorstellung von weiteren Stimmen. In diesem Fall schrieb ich die Noten auf und vermittelte es den Mitspielern, zum Teil auch nach Gehör. Wir musizierten auch nächtelang zusammen und das Tonband lief mit. Beim späteren Abhören notierte ich die einzelnen Stimmen.

Kontrollieren Sie das Zusammenspiel mit Tonbandaufzeichnungen?

Ja. Gerade bei langsameren Stücken ist das Zusammenspiel oft diffiziler als bei rhythmischen.

Uschi Mader

Uschi Mader: Vor allem bei höfischen Stücken, wenn bestimmte Mollbässe da sein müssen, geht es um eine genaue Begleitung.

Wir hatten das Glück, dass wir voneinander lernen konnten. Uschi war mit der Gitarre ganz am Anfang und ich lernte die Harmonika spielen. Durch das gemeinsame Üben und Spielen profitierten wir voneinander. Damit Uschi die Gitarrenbegleitung üben konnte, habe ich über das gleiche Akkordschema verschiedene Melodien gespielt. Es war auch für mich eine sehr fruchtbare Zeit, weil sich bei mir ein Melodienreichtum entwickelt hat, den ich sonst gar nicht gebraucht hätte. Auch so sind viele neue Melodien entstanden.

In welchen Besetzungen haben Sie noch musiziert?

Bis vor 10 Jahren spielte ich das Akkordeon in einer Tanzlmusi. Es war eine tirolerisch angehauchte Besetzung mit zwei Flügelhörnern, Posaune, Harfe und Tuba. Davor spielte ich in der Bachleiten-Musi zusammen mit meinem Vater (Akkordeon), meiner Frau (Altflöte) und zwei Freundinnen (Zither und Gitarre) nach dem Vorbild der Ruperti-Winkler Musikanten. In dieser Zeit entstanden auch etliche Stücke für diese Besetzung.
Mit Uschi spiele ich auch im Harmonika-Duo oder mit Akkordeon und Gitarre. Mit Hans-Peter Röck aus dem Oberpinzgau, der das Hackbrett spielt, machten wir eine Weihnachtsproduktion.

Spielen Sie auch Gitarrenbegleitung zu Liedern, die gesungen werden?

Es war mir schon immer ein wichtiges Anliegen, Lieder gut begleiten zu können. Seit ich musiziere bin ich mit Akkordeon und Gitarre unterwegs und habe Gesangsgruppen begleitet.
Singe und spiele ich gleichzeitig, so bereitet es mir manchmal Schwierigkeiten, dass beides zufriedenstellend klingt. Bei Auftritten habe ich die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, wenn man sich nicht selbst begleitet.

Zu welchen Anlässen musizieren Sie?

Früher hatten wir auch bei Volksmusik-Großveranstaltungen mitgemacht. Jetzt mögen wir es nicht mehr so sehr, auf einer Bühne zu sitzen mit vielleicht 50 anderen zusammen. Man ist in drei Stunden hingefahren, 200 Kilometer, hat dann zwei Stücke gespielt und fährt dann in der Nacht wieder drei Stunden zurück. Uns interessiert es mehr in einem kleineren Kreis, auf kleineren Bühnen zu musizieren. Mitten unter Leuten zu spielen ist uns viel lieber geworden, weil sich da spontan mehr ergeben kann.
Im Advent musizieren wir öfters im kirchlichen Rahmen.
Eine gute Gelegenheit zu musizieren sind auch die Musikkurse an Wochenenden oder zweimal im Jahr eine ganze Woche in der Steiermark und Tirol. Die Uschi und ich sind da als Referenten tätig.

» Uns interessiert es mehr in einem kleineren Kreis, auf kleineren Bühnen zu musizieren. «

Uschi Mader: Wenn man den ganzen Tag im Unterricht war, dann möchte man als Lehrer auch selber spielen. Man hat Gelegenheit, mit anderen guten Musikanten zusammen zu spielen und es sind manchmal musikalische Sternstunden, die man sonst nirgendwo erleben kann.

Gibt es von Ihnen Aufnahmen?

Auf der Schallplatte »Stubenmusi«, eine Reihe von Wastl Fanderl, sind ein paar Stücke vom Hugl-Gitarren-Trio aufgenommen.
Beim Pfarrer Franz Nigl in Unterwössen musizierten wir im geistlichen Bereich. Wir waren jahrelang an jedem Erntedankfest, Adventsingen und Weihnachtssingen dabei. Davon wurden verschiedene Platten, hauptsächlich mit geistlicher Musik, gemacht. Wir waren mit dem Hugl-Gitarren-Trio und später mit der Kohlstatter Musi dabei.
Eine für mich wichtige Platte war »Im Buchsbaumer Wald«. Wir hatten sie zusammen mit den Geschwister Röpfl gemacht. Ich hatte die Gelegenheit, diese Platte selber musikalisch zu gestalten, d.h., die Geschwister Röpfl wollten bestimmte Lieder aufnehmen. Es waren Liebeslieder, und ich konnte mit zwei Musikgruppen, der Bachleiten Musi und dem Gitarrentrio, die passenden Musikstücke und Einspielungen dazu machen.
Nach jahrelanger Funkstille wird zum nächsten Advent die Produktion: »Advent in St. Leonhard« veröffentlicht. Zu zwei Gesangsgruppen konnten wir die Begleitungen und den musikalischen Rahmen gestalten.
Weiter habe ich bei etwa 200 Rundfunkaufnahmen von verschiedenen Sendern mit diversen Instrumentalgruppen mitgewirkt.

Was haben Sie an Noten veröffentlicht?

Es gibt zwei Hefte: »Gitarrenstückl 1 und 2«. Das erste nach der Vorlage der Hugl Musi und der Kohlstatter Musi, das zweite von den Altmühldorfer Musikanten.
Es gibt auch zwei Hefte für Akkordeon mit größtenteils eigenen Stücken.
Das Problem war für mich, dass ich niemandem Stücke »stehlen« wollte. Mich hat es immer schon interessiert, Stücke, die ich selber gern spiele und die nicht veröffentlicht sind, herauszugeben. Ich habe mich gescheut, mich mit den rechtlichen Dingen wie GEMA usw. auseinanderzusetzen. Also war ich bestrebt, lieber eigene Melodien, die mir über längere Zeit gefallen haben, zu verwenden.
Vor zwei Jahren war eine Initiative in Tirol, die gesamte Musik von dem Blasmusikanten Gottlieb Weissbacher zu veröffentlichen. Von einigen dieser Stücke habe ich eine Akkordeonfassung gemacht. Für uns spielt auch die Diatonische Harmonika eine große Rolle. Uschi hat sich schon lange damit beschäftigt. So gibt es auch ein Harmonikaheft mit eigenen Stücken.
Ich habe auch eine Transkription von Raffelestücken aus Südtirol erarbeitet, die vom Institut für Volksmusikerziehung in Südtirol herausgegeben wurde.
Diverse Aufsätze, zum Beispiel über das Akkordeon, wurden in der »Sänger- und Musikantenzeitung« veröffentlicht.
Eine umfangreichere Arbeit war die Erforschung des Harmonika- und Gitarrenspiels in Südtirol für das »16. Volksmusik-Forschungs-Seminar in Bozen 1987«.
Eine für mich wichtige Sache ist der »Begleitkurs für Gitarre«. Er beinhaltet eine Sammlung von gängigen Begleitfiguren der alpenländischen Volksmusik. Es sind Beispiele aus der Musikpraxis von Tobi Reiser und Kiem Pauli. Natürlich gehört auch Martin Schwab dazu, der wesentliche Neuerungen brachte, was das rhythmische Begleiten anbelangt. Daraus habe ich Begleitmodelle, die oft zur Anwendung kamen, zusammengestellt.

» Martin Schwab… der wesentliche Neuerungen brachte, was das rhythmische Begleiten anbelangt. «

Der Begleiter hat eine wichtige Funktion. Er ist für den Rhythmus und das harmonische Geschehen verantwortlich. Er soll sich nicht in den Vordergrund spielen, weil die Melodie das tragende Element ist. Der Begleiter liefert sozusagen den Unterbau. Weiter sollte er sorgfältig mit Bassgängen und harmonischen Erweiterungen der Nebenstufen umgehen, nicht dass er die Melodie erschlägt und »kaputt« macht.
Da wir es sehr oft mit Leuten zu tun haben die mit den Noten auf Kriegsfuß stehen, habe ich die Akorde mit Griffbildern dargestellt. Die Akkorde und auch die Bassläufe können so optisch umgesetzt werden. Wenn man die Gelegenheit hat, mit den Leuten eine Woche zusammen zu musizieren, kann das Begleiten anhand der gespielten Melodien geübt werden. Zuhause fehlt ihnen dann das Melodiespiel und sie sind so gezwungen »trocken« zu begleiten. Es entstand die Idee, eine Kassette mit Melodien die begleitet werden können, zusammenzustellen. Diese Begleitungen können einerseits auf der Kassette als Hörbeispiele gehört werden und sind andrerseits auch in einem Begleitheft aufgeschrieben. Wichtig ist, dass das Hörbeispiel da ist. Man hört, wie die Bässe angeschlagen werden, wie abgestoppt wird und wie die Begleitung klingt.

Warum haben Sie diesen Begleitkurs nicht veröffentlicht?

An sich biete ich es schon an, nur mach ich keine Reklame. Ich habe viele Lehrerkollegen, die an Musikschulen mit der Kassette und dem Heft arbeiten. Es ist als Unterrichtshilfe für Lehrer gedacht. Auf die Anschlagstechnik und die Rhythmuslehre habe ich bewusst verzichtet. Die Voraussetzung ist, dass der Lernende die Akkorde, das Umgreifen und die elementaren Anschlagstechniken kann.

Haben Sie auch etwas ähnliches für das Melodiespiel gemacht?

Ja, aber noch ohne Kassette! Viele Melodien der alpenländischen Volksmusik laufen über die Dreiklänge. Vom praktischen Können des Begleitens lassen sich schon einfache Instrumentalmelodien spielen.

Können Sie etwas über die Haltung der Gitarre sagen?

Da ich das Gitarrenspiel nicht bei einem Lehrer gelernt habe, bin ich in der Frage der Haltung auch nicht beeinflusst worden. Ich verhielt mich so, dass der Klang, der aus der Gitarre herauskam für mich am Besten war. Ich habe die Technik auf meine Vorstellung des Gitarrenklanges eingerichtet. Ich versuchte wie Tobi Reiser zu spielen, so wie ich es bei ihm gesehen hatte. Ich habe ihn an Veranstaltungen erlebt und konnte ihm genau auf die Finger schauen.
Nur mit einer runden Fingerhaltung der rechten Hand, ist es mir möglich die Begleitung so zu spielen, dass sie hart und kurz klingt und beim Abstoppen fast »scheppert«. Die Finger »rupfen« sozusagen die Saiten.
Bei Gitarrenspielern der klassischen Haltung ist es nicht möglich diesen Klang zu realisieren. Mit meiner Technik bin ich teilweise im Melodiespiel benachteiligt. Ich spiele keinen angelegten Anschlag.

» Bei Gitarrenspielern der klassischen Haltung ist es nicht möglich diesen Klang zu realisieren. «

Haben Sie Tobi Reiser über seine Technik befragt?

Eigentlich nicht! Ich habe meine Spielweise von ihm bestätigt gefunden. Ich spielte in seiner Art und das hat ihm auch gefallen. Er sagte: er möchte die »Tanzl«, die er sonst auf der Geige spielt, auf die Gitarre umsetzen. Er legte mehr Wert auf das tänzerische Spiel als auf einen schönen, runden, klassischen Ton.

» Tobi Reiser… legte mehr Wert auf das tänzerische Spiel als auf einen schönen, runden, klassischen Ton. «

Der Zitherspieler Schwab Franzi hat über längere Zeit mit Tobi Reiser zusammengespielt. Er bestätigte mir schon öfters, dass mein Spiel dem vom Tobi Reiser sehr ähnlich sei. Einerseits erfüllt mich dies mit Stolz, andrerseits möchte ich Tobi Reiser nicht einfach imitieren, sondern auch meinen eigenen Stil zum Ausdruck bringen.
Spiele ich ein Stück von Tobi Reiser oder eines, was aus dieser Art heraus geboren ist, so möchte ich die klangliche Spielweise von ihm verwirklichen. Seine Staccato-Spielweise im Melodiespiel muss man immer wieder anhören, bis man sich keine Gedanken mehr macht und es genauso spielt.
In der Volksmusik gibt es gewisse Grundvorstellungen wie es zu klingen hat. Trotzdem sollte jeder seine Spielweise entdecken und sein eigenes Gefühl spielen lassen können. Das gleiche Stück wird in Südtirol anders phrasiert als beispielsweise bei uns. Dies ist auch richtig so. Mit einer ausgeschriebenen Phrasierung, Staccato- und Legatozeichen, möchte ich dies in den Noten nicht festlegen und beeinflussen, sonst wird es letztlich überall gleich gespielt.

» In der Volksmusik gibt es gewisse Grundvorstellungen wie es zu klingen hat. Trotzdem sollte jeder seine Spielweise entdecken und sein eigenes Gefühl spielen lassen können. «

Spielen Sie auf der Gitarre ein Vibrato?

In ruhigeren Melodien spiele ich öfters ein Vibrato als beispielsweise bei einer Polka. Bei Tondokumenten, die jetzt schon fast 50 Jahre zurückgehen, hört man immer wieder ein Vibrato im Instrumentalspiel. Zum Beispiel Hans Reiter von den Tegernseer Musikanten spielt ein ausgeprägtes Vibrato auf der Schoßgeige.

Stimmen Sie die Gitarre nach einer bestimmten Methode?

Ich bin erst seit ein paar Jahren Besitzer eines Stimmgerätes. Es ist sehr hilfreich, wenn man stimmen soll und es ist laut um einem herum. Ansonsten stimmen wir nach den Instrumenten mit denen wir zusammenspielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn die 1. Leersaite mit der 2. Saite im 5. Bund genau stimmt, es nicht in jeder Tonart stimmt. Deswegen ist ein Nachstimmen in der Tonart notwendig, in der das Stück gespielt wird. Ich kenne auch bestimmte Schwachpunkte der Intonation in einem Stück und stimme dann mit gewissen Kompromissen darauf hin.

Warum haben Sie in der ersten Notenausgabe der »Gitarrenstückl 1« keinen Fingersatz angegeben?

Am Anfang war es für mich so, dass ich einfach die Melodien weitergeben wollte. Der Verleger wollte dann den Fingersatz zu den Noten dazugeschrieben haben. Er hat einen weiteren Gitarrenspieler hinzugezogen und manche Vorschläge habe ich dann auch übernommen. Es stellten sich grundsätzliche Fragen, wie zum Beispiel Terzen zu spielen sind usw.

Ist der Fingersatz für das Gitarrenspiel wichtig?

Der Fingersatz ist im Allgemeinen für das Gitarrenspiel schon wichtig. Wenn eine Klangvorstellung da ist, kann auch ein »Wald- und Wiesen-Fingersatz« richtig sein. Mit einem bestimmten Fingersatz, erhalte ich eine bestimmte Phrasierung.
Mit dem Fingersatz gebe ich dem Schüler Hinweise, wie er Melodien oder Griffkombinationen spielen kann, dass sie auch entsprechend flüssig klingen.

» Mit einem bestimmten Fingersatz, erhalte ich eine bestimmte Phrasierung.? «

Gibt es Verzierungen die Sie im Melodiespiel nicht verwenden?

Nein! Ich entscheide dies eher gefühlsmäßig. Bei einfachen Melodien spiele ich öfter zum Beispiel vor der 1. Zählzeit einen Vorschlag und arpeggiere die Terzen. Das Schleifen (Glissando) auf einer Saite darf man auch mal hören, gerade bei langsamen Stücken. Es sollte aber nicht zur Marotte werden.

Zur Zeit analysiere ich die Musik von Schwab Franzi und den Rupertiwinklern. Da spielte ein Gitarrenspieler mit, er ist vor über 20 Jahren tödlich verunglückt, der für mich ein hervorragender Begleiter war und für mich auch ein absolutes Vorbild ist. Er war einfallsreich, hatte aber nie die Funktion des Begleiters außer Acht gelassen, was die Melodie an den Rand bringen könnte. Er hat sowohl die Akkorde nach »außen«, als auch nach »innen« fallend arpeggiert.

Haben Sie für diese Begleitverzierung einen bestimmten Begriff?

Uschi Mader: Ich sage: mit den Fingern nach »außen rollen« oder nach »innen rollen«.

Wie spielen Sie den Grundschlag und den Nachschlag einer Polka-Begleitung?

Grundsätzlich spiele ich bei einer Polka den Grundschlag und den Nachschlag abgedämpft, abgestoppt. Der Bass auf dem Grundschlag erfolgt mit dem Daumenanschlag nach innen auf die nächste Saite (apoyando), fast in das Schalloch reinfallend, und wird mit dem Daumenrücken abgestoppt. Schlägt man den Daumen nach außen an (tirando), schwingt die Saite ungünstiger. Manchmal stoppe ich auch mit dem Daumenballen ab.
Der Nachschlag wird mit den Fingern gespielt, die sofort nach dem Anschlag auf die Saiten zurückfallen und abstoppen.
Es ist auch möglich den Bass mal lang zu spielen. Bei einem Bassgang wird nicht jeder Ton kurz gespielt.

» Manchmal stoppe ich auch mit dem Daumenballen ab. «

Und bei einem Walzer oder Halbwalzer?

Der Bass auf dem Grundschlag klingt bis zum 1. Nachschlag. Der Daumen wird an die nächsthöher klingende Saite gespielt (apoyando) und dämpft dann mit dem Daumenrücken die Saite. Der Akkord auf dem 1. Nachschlag ist kurz gespielt, auf dem 2. Nachschlag lang.

Können Sie ein Beispiel einer Polka-Begleitung auf der Gitarre spielen?

Beschreibung:
Der Bass wird angelegt gespielt und unmittelbar nach dem Anschlag mit der Daumenkante gedämpft. Die Nachschläge werden kurz gespielt und gleich nach dem Anschlag mit den Fingern gedämpft, die zuvor angeschlagen haben.

Sie greifen den G-Dur-Akkord in der Barrégriffweise. Gibt es für Sie bestimmte Grifftypen, die Sie bei der Begleitung bevorzugen?

Ja! Zum Beispiel gerade in G-Dur. Die übliche Griffweise mit Leersaiten finde ich sowohl im klanglichen, durch die Verdoppelung des Grundtones und dadurch fehlende Quintton, als auch aus grifftechnischen Gründen nachteilig.
Beim D7-Akkord bevorzuge ich, wie auch Tobi Reiser, Martin Schwab und der Begleiter der Rupertiwinkler, die Griffweise mit den Fingern 1, 2 und 4.

Spielt man in den Be-Tonarten, nehme ich den vom B7 (H7)-Grifftyp abgeleiteten verschiebbaren Akkord und kann so beispielsweise in As-Dur in der IV Lage begleiten.

Eine weitere Möglichkeit ist, wie ich es früher gespielt habe, den vom C7-Grifftyp abgeleiteten Akkord zu verwenden. Der Nachteil ist, dass dieser dumpfer, beziehungsweise tiefer klingt.

Ein guter Begleiter, der mit Begleitungen in den Lagen umzugehen weiß, ist Rudi Rehle von der Kreuther Stubenmusi.

Verwenden Sie den Kapodaster beim Begleiten?

Ja, wenn ich die Harmonika mit der Gitarre begleite und ich möchte eine mühelose und schöne Begleitung spielen, so ist der Kapodaster schon sehr nützlich. Spielt man dauernd mit einer Harmonika mit der Stimmung Be-Es-As, so gibt es auch die Möglichkeit, die Gitarre um einen halben Ton höher zu stimmen.

» … eine mühelose und schöne Begleitung spielen, so ist der Kapodaster schon sehr nützlich. «

Uschi Mader: Es ist trotzdem wichtig in den verschiedenen Tonarten begleiten zu können. Gesangsgruppen singen häufig in der für die Gitarre unbequemen Tonarten wie, Fis-Dur oder As-Dur. Für ein Lied, oder um schnell mal eine Tonart auszuprobieren verwende ich natürlich keinen Kapodaster. Beim Begleiten einer »Tanzlmusi« ist es aber schon vorteilhaft den Kapo zu verwenden, auch um tiefe Bässe spielen zu können.

Die Begleitung sollte nicht in den hohen Lagen gespielt werden, weil sie sonst zu sehr in den Tonbereich der Melodie hineinspielt.
Grundsätzlich begleiten wir Gesangsgruppen im Duo. Ich spiele dann die Akkorde und Melodien und Uschi kann die Bässe dazuspielen. Otto Delago, ein Freund aus Südtirol, hat sich zu einem beachtenswerten Begleiter entwickelt. Er spielt allein und verwendet den Kapodaster so, dass er immer die Grundbässe spielen kann.

Uschi Mader: Das Wesentliche ist ja: die Begleitung, beziehungsweise die Musik soll schön klingen. Ob ich technische schwierige Barréakkorde oder ein Kapodaster verwende ist egal.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Verwenden vom Kapodaster bei den Gitarrespielern verpönt ist, und sie sich lieber mit Akkorden in den Lagen abmühen, als bequem mit dem Kapodaster zu spielen.

Bei alten Gitarrespielern haben wir erlebt, dass sie bei Solostücken die Basssaiten umstimmen. So konnten die Bässe mit den Leersaiten gespielt werden. Also wurde beispielsweise die A-Saite nach c (kleines c) und die E-Saite nach G umgestimmt. Dies wird meiner Ansicht nach heute zu wenig gemacht.

Können Sie ein Beispiel einer Walzer-Begleitung spielen?

Beschreibung:
Der Bass wird angelegt gespielt und zusammen mit dem 1. Nachschlag, der kurz gespielt wird, gedämpft (abgestoppt). Der 2. Nachschlag wird lang gespielt und genau wenn der Bass erneut angeschlagen wird gedämpft.

Es gibt auch die Meinung, dass der 2. Nachschlag auch kurz gespielt werden soll. Was halten Sie davon?

Bei der Polka hört man auch, dass die Bässe lang klingen. Für mich »swingt« es dann zu sehr und ich finde es für unsere Musik nicht typisch.
Zur Zeit kann man beobachten, dass es viele begabte junge Leute gibt, die von anderen Instrumenten kommen und diese auch gut spielen können. Auf der Gitarre spielen sie dann unbeschwert drauflos. Fehlentwicklungen, die sie irgendwo gehört haben, empfinden sie als richtig, führen dies fort und geben es auch so weiter. Weil mir diese Entwicklung so nicht gefällt, möchte ich auf solche Fehlentwicklungen hinweisen.
Ein anderer Punkt sind die Bassgänge. Der Bass sollte eine logische Melodie sein und nicht zu sehr durch chromatische Verbindungen beeinträchtigt werden.

» Der Bass sollte eine logische Melodie sein und nicht zu sehr durch chromatische Verbindungen beeinträchtigt werden. «

Uschi Mader: An einem Volksmusikkurs hatten wir die Melodie vom Siebenschritt (Volkstanzmelodie) gelehrt. Nachdem wir das Stück so oft gespielt hatten spielten wir es zur Erheiterung mal in Moll. Ein Jahr später spielte ein Schüler ganz selbstverständlich den Siebenschritt in Moll. Darauf angesprochen meinte er: Ja, er hätte eine Aufnahme vom letzten Jahr und da hätten wir die Melodie auch so gespielt. So wurde uns bewusst, wie schnell man als Referent oder Lehrer und somit Vorbild, missverstanden werden kann.

Hatten Sie eigentlich Probleme als Frau bei den Musikanten akzeptiert zu werden?

Uschi Mader: Am Anfang hatte ich das Gefühl, als wäre ich »geächtet» worden. Als ich einmal mit der Harmonika spielte stand eine Gesangsgruppe auf und meinte: »Um Gotteswillen, die Frauen mit ihrer Emanzipation, jetzt spielen sie auch noch solche Instrumente!« Für mich war es schlimm, wie die Männer mich diese Geringschätzung haben spüren lassen. Erst als ich besser war wie der, oder der…, wurde ich akzeptiert.

» Am Anfang hatte ich das Gefühl, als wäre ich »geächtet» worden. «

Wie spielen Sie eine Begleitung zu einer Melodie, die Sie nicht kennen?

Begleitete ich eine Melodie, die ich zum ersten mal höre, so bin ich ständig »auf dem Sprung« und sehr behutsam. Manchmal ist es sogar möglich, zweideutig zu spielen. Beispielsweise wenn ein Bass verwendet wird, der sowohl zur 1., als auch zur 5. Stufe gehört.

Uschi Mader: Begleite ich zum erstenmal eine Melodie, so versuche ich mich an einfache Grundschemata zu halten und so zu spielen, dass ich die Melodie nicht zu sehr beeinträchtige durch Bassgänge oder zu lautes Spiel. Ich schaue den Spieler auch an und versuche durch seine Schulter- oder Kopfbewegungen den Fluss der Melodie abzulesen.

Fühlen Sie sich als Repräsentant einer musikalischen Region?

Für die Gitarre gibt es keinen allumfassenden, oberbayerischen Stil. Es gibt das Oberland, d. h. die Gegend um Bad Tölz, Miesbach und Tegernsee, wo eine etwas »geradere« Spielweise vorherrscht, vielleicht nicht so rasant. Ich würde sie als die Nachfolge von Kiem Pauli bezeichnen.
Dann gibt es den »Reiser-Stil«. Dies ist mehr ein auf die Person Tobi Reiser bezogener Stil und klingt nicht typisch oberbayerisch.
Wir spielen auch gerne Stücke vom Klaus Karl und die hören sich natürlich auch anders an.
Auf dem Akkordeon vertrete ich am ehesten den oberbayerischen Stil, weil ich sehr stark durch meine Heimat und die Spielweise von Winkler Sepp beeinflusst bin.
Wir können nicht sagen, eine typische Musik unserer Heimat zu spielen. Die Einflüsse aus Tirol, dem Inntal, Salzburg und dem Oberland sind ungefähr gleichermaßen stark da.
Die Meinungen über Volksmusik gehen sehr stark auseinander. Der eine versteht alles darunter, was das Volk tut, dann müsste man wieder definieren: Was ist das Volk? Der andere geht dahin, zu sagen: Das ist eine Musikrichtung mit ganz bestimmten Vorstellungen, die dann doch relativ eingeengt sind. Wir verstehen uns eher zu dieser Richtung gehörend.

Interview: René Senn
Das Gespräch wurde am 17.10.1992 in Töging aufgenommen.
(Archiv: R. Senn) (Fotos: R. Senn)

Michael Bauer

»Daß da aber einer Gitarre spielte…«

Michael Bauer mit Wach-Gitarre

Interview mit
Michael Bauer

Haben Sie berflich mit Musik zu tun?

Ich bin Volksschullehrer und erteile Musikunterricht im Rahmen unseres Musikvereins. Der Musikverein von Reischach (bei Altötting) wurde von mir gegründet mit der Absicht, eine Blaskapelle ins Leben zu rufen. Nach etlichen Schwierigkeiten ist dies auch gelungen.

Welche Instrumente unterrichten Sie?

Ich unterrichte Gitarre, Akkordeon und Zither; meine Frau Blockflöte, Hackbrett und Querflöte. Die Schüler kommen teils aus dem Kindergarten, teils aus der Grund- und der Hauptschule.

Wie haben Sie das Gitarrespielen gelernt?

Damals in meiner Jugendzeit, es war die Kriegszeit, gab es keine Möglichkeiten, Musikunterricht zu nehmen, schon gar nicht auf dem Lande. Man hatte dafür auch kein Verständnis, dass einer ein Instrument lernte. Für einen Bauernmenschen war das Zeitverschwendung. Es gab höchstens Musikanten, die Trompete oder ein anderes Blasinstrument spielten und bei einer Blaskapelle mitmachten. Dass da aber einer Gitarre spielte... das war fast undenkbar. So hab ich mich halt selber darangemacht. Wenn ich bloß bedenke, wie ich zur ersten Gitarre kam. Es war gleich nach dem Krieg, in der Zeit als der Schwarzmarkt blühte und man kein Geld hatte. Da habe ich mir eine Gitarre für Eier und Butter eingetauscht.

» Da habe ich mir eine Gitarre für Eier und Butter eingetauscht. «

Hatten Sie Vorbilder in der Volksmusik?

Damals hörte ich im Radio Volksmusiksendungen. Mir imponierte vor allem das Holzfurtner-Trio, weil dieses so sauber spielte. Franz Holzfurtner war Musiklehrer in München. Sein Hauptinstrument war die Zither, er unterrichtete aber auch Gitarre und Akkordeon. Ich lernte ihn später persönlich kennen, und es kam zu einer Freundschaft. Das war anfangs der 60er Jahre.
In seinem Haus lernte ich auch Sepp Eibl kennen. Sepp Eibl fing damals an, sich mit der Gitarre zu beschäftigen. Er sammelte alte Gitarren von namhaften Herstellern und soll nicht nur einmal sein Auto verkauft haben, um eine Hauser-Gitarre zu erwerben. Er war einfach ein »Original«. In kürzester Zeit lernte er ausgezeichnet Gitarre spielen. Im Gegensatz zu ihm blieb mein Spiel auf der Gitarre immer etwas laienhaft. Ich hatte auch gar nicht die Zeit, mich mit der Gitarre intensiver zu beschäftigen. Später lernte ich an Volksmusikkursen und Lehrgängen die Haltung und Grundtechniken der Gitarre kennen.
Durch die Volksmusikpflege entstand nach dem Krieg die »Tanzlmusi« oder die sogenannte »Stubenmusi«. Auch das Hackbrett wurde erst in dieser Zeit entwickelt. So haben sich neue Spielarten auch für die Gitarre ergeben. Eine besondere Spielart ist die von den Schönauer Musikanten. Da es immer die gleiche Art der Gitarrenbegleitungen ist – sozusagen eine »Masche« – mag ich sie nicht. Die Schönauer Musikanten wurden vom Rundfunk und von gewissen Leuten so aufgebaut, als ob sie die einzigen wären, die richtige bairische Volksmusik machen könnten.

Spielen Sie auf der Gitarre Begleitung oder Melodie?

Durch die Freundschaft mit Franz Holzfurtner musizierten wir auch zusammen. Ich übernahm vorwiegend die Begleitung. Da er ein sehr kritisches 0hr hatte, lernte ich die feinen Unterschiede in der Volksmusik kennen. Bei ihm lernte ich auch kleine klassische Stücke und habe dann selber die Carcassi-Schule durchgearbeitet.

» Da er ein sehr kritisches 0hr hatte, lernte ich die feinen Unterschiede in der Volksmusik kennen. «

In welcher Besetzung haben Sie später musiziert?

Neben meiner beruflichen Tätigkeit betreute ich in Reischach jahrelang eine Musiziergruppe, bestehend aus Hackbrett, Zither und zwei Gitarren. Die eine Gitarre spielte die Begleitung, die andere eine Nebenstimme. Von dieser Gruppe wurden auch Rundfunkaufnahmen gemacht.
Aus einem Heft von einem Mühldorfer Heimatpfleger und Volksmusikanten spielten wir Stücke mit Zither und zwei Gitarren. Meine Tochter spielte Melodiegitarre und ich die Begleitgitarre.

Die Begleitung wird von Spieler zu Spieler anders gespielt. Zum Beispiel die Nachschläge im Walzer: der eine spielt den 1. Nachschlag kurz und den 2. Nachschlag lang, der andere beide Nachschläge kurz. Wie spielen Sie die Begleitung?

Beim Begleiten spiele ich die Nachschläge kurz. Das liegt daran, dass es früher keine Volksmusik für Gitarre gab, sondern Blasmusik oder Geigenmusik. In der Blasmusik spielt die Tuba den Bass und zwei oder drei Instrumente kurze Nachschläge. Auch in der Geigenmusik werden die Nachschläge sehr kurz gestrichen. Ich habe nach dem Krieg gerade noch erlebt, wie die dörflichen Blaskapellen wieder »zum Tanz aufgespielt haben«. Dies ging dann sehr schnell zu Ende, als die amerikanische Musik eindrang. Aber ich habe noch die Spielweise der Blaskapellen kennengelernt. Diese Spielweise habe ich dann auf die Gitarre übertragen.

» Die Spielweise der Blaskapellen habe ich dann auf die Gitarre übertragen. «

Im Vorwort Ihres Notenheftes »Baierische Tanzstücke« steht: »In der Praxis bestehen manchmal Unterschiede zwischen dem Spiel des Volksmusikers und dem Spiel des klassischen Gitarristen. Der Volksmusiker hat mitunter seine eigene Griffweise, die durch die Eigenart der Volksmusik bedingt ist.« Könnten Sie dies genauer erläutern?

Die Haltung der Klassischen Gitarre ist auch für das Musizieren in der Volksmusik das Richtige. Bei der klassischen Gitarre wird grundsätzlich möglichst legato gespielt, während man bei der Volksmusik »scharf« und »schneidig«, mehr staccato spielen sollte. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, zum Beispiel bei feierlichen Stücken. Wollte ein »Klassiker« der Gitarre bairische Volksmusik machen, so würde sich das eigenartig anhören, da er den Stil verfehlen würde.

Warum haben Sie in Ihren Notenheften keine Tempoangaben gemacht?

Es ist ein altes Prinzip beim Volkstanz, dass die Tänzer sich nicht nach der Musik richten, sondern die Musik nach den Tänzern. Viele »Tanzlmusi-Gruppen« spielen ihre Stücke »runter« wie sie es geübt haben, immer besser und immer schneller. Der Tänzer plagt sich dann fürchterlich bei diesem überzogenen Tempo. Früher war alles etwas gemütlicher, die Musikanten spielten so, dass es für die Tänzer leicht zu tanzen war und es natürlich auch Spaß macht. In der Blasmusik wird ganz bewusst unterschieden, ob beispielsweise ein Marsch zum Marschieren gespielt wird oder in einem Saal zur Eröffnung einer Feierlichkeit. Zum Zuhören wird er meist etwas schneller gespielt. So ist es bei Tanzmusikstücken auch.

» … dass die Tänzer sich nicht nach der Musik richten, sondern die Musik nach den Tänzern. «

» Zum Zuhören wird er meist etwas schneller gespielt. «

Ist die Fingersatzangabe zu den Noten wichtig?

Den Fingersatz habe ich aus pädagogischen Gründen angegeben. In weiteren Heften würde ich allmählich die Fingersatzangaben weglassen.

Verwenden Sie ein Vibrato im Melodiespiel?

Verzierungen verwende ich außer Pralltriller und kurzem Vorschlag keine.

Könnten Sie auf der Gitarre ein Beispiel einer Walzer- und Polka-Begleitung spielen?

Beschreibung:
Walzer (3/4 Takt): Der Bass wird mit dem Daumen angelegt gespielt, ohne Nagel, und vor der 2. Zählzeit durch eine erneute Bewegung gedämpft. Die beiden Nachschläge werden kurz gespielt. Die Finger dämpfen, indem sie auf die angeschlagene Saite aufsetzen.
Polka (2/4 Takt): Der Bass wird kurz gespielt, der Daumen spielt angelegt und dämpft gleich nach dem Anschlag mit der Daumenkante. Die Nachschläge werden kurz gespielt, wie beim Walzer. Die linke Hand unterstützt das Dämpfen der Nachschläge durch leichtes Abheben der Greiffinger, ohne die Saite zu verlassen. Die Akkorde werden in der Grundform gegriffen, also auch Saiten die nicht angeschlagen werden.

Welche Bassläufe spielen Sie an welcher Stelle?

Mit Bassläufen gehe ich lieber sparsam um. Ich beschränke mich auf einfache Figuren in Dreiklangsform oder auf einen kleinen »Gang«, wenn Melodiephrasen abschließen.

Wie haben Sie die Begleitungen in Ihren Heften entwickelt, bevor Sie sie aufgeschrieben haben?

In meinen beiden Heften (Baierische Tanzstücke) für das Gitarrentrio, ist die Begleitung ausgeschrieben, zum Teil in der Notenschrift und zum Teil mit Akkordsymbolen. Ich habe mir die Melodien vorgesungen, die Begleitung auf der Gitarre ausprobiert und dann aufgeschrieben.

Gibt es eine Besetzung, die Sie bevorzugen?

Die Besetzung: Zither und zwei Gitarren gefällt mir besonders gut, weil dies durchsichtig und klar ist und gut zusammen klingt. Die Gitarre als »Zweite Stimme« zur Zither fasziniert mich in besonderer Weise.

Spielen Sie die Instrumentalstücke auch dreistimmig?

Ursprünglich war die bairische Volksmusik zweistimmig, die Dreistimmigkeit kam erst später. Eine »Dritte Stimme« spielte man als »Nebenstimme«, «Gegenstimme« oder »Füllstimme«. In der Blasmusik wurde sie vom Tenorhorn übernommen und inder »Stubenmusi« von der Harfe.

» Eine »Dritte Stimme« spielte man als »Nebenstimme«, «Gegenstimme« oder »Füllstimme«. «

Kann man die Art und Weise des Musizierens in der Volksmusik lernen?

Ich bin überzeugt davon, dass die Musizierarten der Volksmusik erlernbar sind. Es braucht aber sehr viel Zeit dazu. Es reicht nicht, die Musik von den Noten zu spielen, man muss auch die Mentalität der Menschen in der Gegend begreifen lernen. Es wird schon seine Zeit dauern, bis man es richtig raus hat. Das meiste ist Übung, Mitmachen, genau Hinhören, und so bin ich überzeugt dass man es lernen kann. »Ob es ein Preuß lernen kann… das weiß ich nicht?«
(Lacht!)

Besitzen Sie alte Instrumente?

Ich besitze ein seltenes Instrument, eine sogenannte Wach-Gitarre. Wach ist der Name des Gitarrenbauers. Es ist eine Art Kontragitarre, die ich damals von Franz Holzfurtner bekam. (Foto)

Interview: René Senn
Das Gespräch wurde am 06.08.1992 in Reischach aufgenommen.
(Archiv: R. Senn) (Foto: R. Senn)

Wolfi Scheck (1943-1996)

»Wir haben uns viel vom Radio abgehört.«

Volksmusikpfleger des Bezirks Oberbayern (1981-1996)

Interview mit
Wolfi Scheck
Teil 1 ▼

Könnten sie etwas zu Ihrer Person sagen und wie Sie das Musizieren auf der Gitarre gelernt haben?

Ich bin 1943, hier in der Nähe, in Uffing geboren und stamme aus einer Familie, in der das Musizieren und Singen schon immer der Brauch war. Unsere Familie war für das Musikalische im Ort zuständig.
Mein erstes Instrument, die Zither, lernte ich im Alter von acht Jahren. Interessanterweise habe ich das bei einer Zitherlehrerin gelernt die taub war. Sie hat die Hand auf die Decke der Zither gelegt, oder sich an das Fenster gestellt und die Hand auf die Fensterscheibe gehalten und so durch den Tastsinn die Töne wahrgenommen. Es war auch für mich eine sehr mühsame Angelegenheit, hat aber einigermaßen zum Erfolg geführt.
Im Alter von zehn Jahren meinte mein Vater: Du kennst jetzt die Anfangsgründe auf der Zither, nun probiere mal das Gitarrenspiel. Dies war die einzige Anleitung, außer, dass er mir sagte wie die sechs Saiten hießen. So habe ich auf eigene Faust versucht, das Gitarrenspiel zu lernen, so wie alle meine Vorfahren das Musizieren selbst gelernt hatten.
Mein Vater hat das Gitarrenspiel, zu seiner Zeit (1933), als Soldat gelernt. Er hatte einen Kameraden, der Gitarre spielen konnte. Dieser hat dann jeweils für eine Schachtel Zigarette einen neuen Akkordgriff verraten.

» … für eine Schachtel Zigarette einen neuen Akkordgriff verraten. «

Ich hab mich dann als Begleiter versucht. Gitarrenbegleiter waren damals immer begehrt, und trotz der Häufigkeit des Instrumentes eher rar. Wir haben uns viel vom Radio abgehört. Früher war die Ablenkung nicht so groß, man hatte Zeit, jede Volksmusiksendung zu hören und versuchte dann, das Gehörte nachzuspielen.
Nach dem Abitur nahm ich ein Lehrerstudium auf und nützte die Gelegenheit, sechs Semester bei Simon Schneider Unterricht zu nehmen. Er hat mir viele selbstgemachte Unarten ausgetrieben und mich in das Melodiespiel der Klassischen Gitarre geführt. Er legte auch viel Wert auf die Fähigkeit, begleiten zu können.
Nebenbei kam viel Praxis dazu, durch lernen von anderen Instrumenten, Chorsingen, Orchesterspielen und dergleichen. Es gab auch Musiktheorie während des Studiums.
Nach dem Studium war ich fünfzehn Jahre als Lehrer an einer Hauptschule tätig und musizierte viel mit den Schülern. Gelegentlich publizierte ich Volksmusikstücke für die Schule und unterrichtete meine Schüler natürlich auch in Gitarre. Ich arbeitete mit verschiedenen Gitarrenschulen und war eigentlich mit keiner recht zufrieden, denn die Schüler erwarteten, Gitarrenbegleitung zu lernen. Sie gingen in den Musikunterricht zur Musikschule und erhofften sich das Begleiten zu lernen, und kamen dann mit Carcassi (Gitarrenkomponist der Klassik) und ähnlichem heraus. Nach zwei Jahren hörten sie dann auf, weil sie nicht lernen konnten, was sie eigentlich wollten. Deshalb beschäftigte ich mich eingehender mit Begleittechniken der Gitarre.

» Nach zwei Jahren hörten sie dann auf, weil sie nicht lernen konnten, was sie eigentlich wollten. «

Vor zwölf Jahren gab es die Möglichkeit, als Volksmusikpfleger zum Bezirk Oberbayern zu wechseln. Das bis dahin ausgeübte Hobby konnte ich so zu meinem Beruf machen. So bin ich zuständig für die Pflege von instrumentaler Volksmusik, Volkslied, Volkstanz und auch zu angrenzenden Bereichen. Ich übe dies so aus, dass ich Hilfe anbiete, soweit ich sie leisten kann, und darauf warte, dass sich jemand helfen und beraten lässt. Ich möchte also nicht jemanden etwas aufzwingen, sondern, wer wissen will, wer erfahren oder hören will, wie etwas geht, der kriegt umfassende Auskunft. Sonst halte ich es eher mit der dezenten Art, sich zurückzuhalten.

Welche Instrumente spielen Sie noch?

Ich spiele nicht nur Gitarre, sondern auch Zither, die mir am nächsten liegt, Kontrabass, Harfe, Flöte, Klarinette, Klavier und Orgel. Diese Instrumente lernte ich mehr oder weniger gründlich. Zumindest so, dass ich sachkundig dafür schreiben kann, dass ich weiß, wie man mit dem Instrument umgeht, was es liefern kann, in welcher Lage es wie klingt und dergleichen.

Wie und wo musizieren Sie heute? Haben Sie überhaupt noch viel Zeit zum Musizieren neben Ihrer Tätigkeit als Volksmusikpfleger?

Durch Herkunft, aber auch durch meine Aufgabe geprägt, sehe ich den Platz zum Musizieren im Freundeskreis, im Wirtshaus, in der Familie, bevorzugt im kleineren Kreis. Die Volksmusikveranstaltungen mit tausend Besuchern halte ich für einen Ausweg, den man heute häufig geht. Als Weg, könnte es bei vielen Leuten ein Interesse wecken, der auch zum kleineren Kreis führen kann.
Ich selbst musizierte zunächst in der Familie mit Vater, Bruder und Schwestern. Später ist der Kreis erweitert worden durch Freunde, hat sich dann auch von der Familie abgelöst und im Freundeskreis durch Tanzmusik und Blasmusik erweitert.
Die Spielanlässe waren im Dorf, einmal durch den Trachtenverein, dann kirchliche Anlässe, die im Laufe der Zeit mehr Gewicht bekamen. Volksmusik in der Kirche ist kaum überliefert, in den letzten zwanzig Jahren wuchs sie aber zu einem wichtigen Gebiet heran.

Wir haben in verschiedenen Zusammensetzungen musiziert:
· zwei Zithern und Gitarre
· Hackbrett, Zither und Gitarre
· Geige, Zither und Gitarre
· zwei Zithern, Hackbrett und Gitarre
· Zither, Harfe und Gitarre
· zwei Geigen, Flöte, Gitarre und Kontrabass
· verschiedene Holzbläser-Kombinationen
· verschiedene Blechbläserr-Kombinationen.

Später dann, musizierten wir nach dem Vorbild von Tobi Reiser: Hackbrett, Zither, Harfe, Gitarre und Kontrabass. Oft und lange spielten wir in der Besetzung: Hackbrett, zwei Zithern und Gitarre.

» Später dann, musizierten wir nach dem Vorbild von Tobi Reiser. «

Zum Schluss passierte das, was sie schon angedeutet haben. Je mehr man sozusagen der "Mann für die offiziellen Anlässe" wird, umso mehr bleibt das eigene Musizieren auf der Strecke. Was übrig blieb ist das Musizieren als Zitherbegleiter für Sängergruppen, was eine interessante Aufgabe ist, weil sie ganz von der Improvisation lebt, und das Musizieren mit einer Geigenmusik: drei Geigen, Gitarre und Kontrabass, den ich spiele.

Sie haben Tobi Reiser als Vorbild erwähnt, gab es auch andere?

Die Vorbilder hingen damit zusammen, was man zu der Zeit überhaupt erfahren konnte. Der erste Kontakt, über das Familienmusizieren hinaus war 1955, in meinem Heimatort Uffing, die Ottobrunner Musikanten. Die Ottobrunner Musikanten hatten die Besetzung: Zither, Hackbrett und Kontragitarre und waren die ersten, die in Bayern ein Hackbrett spielten. Als kleiner Bub hat mich die Art des Zusammenspiels fasziniert. Das Hackbrett klang ganz anders als die Instrumente, die in unserem Umkreis zu finden waren. Dies hat mich schon entscheidend beeinflusst.
Dann hörte man im Rundfunk: Tobi Reiser, Hans Kammerer, dann um 1960 die Schönauer Musikanten. Dies waren Vorbilder, denen man zunächst kritiklos nachgelaufen ist. Wir haben diese Musik am Anfang wirklich sklavisch kopiert und waren stolz, wenn es so ähnlich geklungen hat. Noten gab es kaum, so spielte man weitgehend nach Gehör.

» Noten gab es kaum, so spielte man weitgehend nach Gehör. «

Dem Tobi Reiser hingen wir lange an. Vor allem, weil er von Zeit zu Zeit immer wieder interessante Neuigkeiten gebracht hatte: Volksmusikstücke mit Geigen, mit Flöten, und einem Harfenspiel, so wie wir es noch nicht kannten. Auch auf dem Feld der kleinbesetzten Blasmusik hat er als Vorbild gewirkt. Dies mussten wir natürlich auch alles ausprobieren.
Später gab es auch Vorbilder aus der Nähe, die Deinhauser Musikanten aus der Holledau, oder in Garmisch verschiedene Gruppen und Sänger. Es entwickelte sich auch ein Zentrum im Raum Starnberg-Weilheim. Dann gab es den Kontakt zum Fanderl Wastel im Chiemgau, woraus sich verschiedene Verbindungen ergaben. Eigentlich hat man alles nachgeahmt, was interessant und attraktiv war.
Erst im Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren versuchte ich mich auf eigene Füße zu stellen und suchte meinen eigenen Weg. Daraus entwickelte sich das, was im Wesentlichen in der Sänger- und Musikantenzeltung zu finden ist. Die Musikredaktion dieser Zeitschrift habe ich schon seit fünfzehn Jahren in der Hand und seit etwa acht Jahren die Leitung.

Gibt es von Ihnen Tonaufzeichnungen auf Schallplatten?

Es gibt eine Reihe von Platten und Kassetten bei denen ich mitwirkte, als Begleiter oder einfach wozu man mich brauchte. Bei einer Weihnachtsplatte führte ich Regie. Weiter spielte ich auf über dreissig Aufnahmen vom Bayerischen Rundfunk mit, und habe bei etwa zwanzig Fernsehsendungen mitgemacht, die Wastel Fanderl veranstaltete.

Wenn ich etwas typisches von Ihnen hören mochte, was empfehlen Sie?

Das wäre diese Weihnachtsplatte, die auch meine Handschrift insgesamt trägt. Es sind Lieder und Musik in verschiedenen Besetzungen, wo ich als Zitherspieler, als Gitarrist und als Bassist mitwirkte und nahezu fast alle Sätze schrieb.

Fühlen Sie sich als Gitarrenspieler eher als Begleiter oder als Melodiespieler?

Ich fühle mich zunächst als Begleiter, der gelegentlich auch die Ambitionen hat, sich dem Melodiespiel zuzuwenden. Als Melodiespieler habe ich mich nicht sehr hervorgetan. Im Freundeskreis haben wir natürlich vieles ausprobiert, auch in Kombinationen mit allen möglichen Instrumenten, aber es gibt Leute die es besser können und auch einen schöneren Ton haben.

Spielen Sie auch Volksmusik auf der Gitarre solo?

Dies kommt mir schwierig vor. Es wird sicher in manchen Fällen gut möglich sein, aber im Grunde genommen ist Volksmusik immer Melodie, oft zweistimmige Melodie, plus eine durchgehende Begleitung. Beides zusammen auf einer Gitarre zu spielen scheint mir technisch sehr schwierig oder unmöglich.

Gibt es für das Zusammenspiel, zwischen Melodie- und Begleitspieler, grundsätzliche Verhaltensweisen?

Das Tempo und die rhythmische Ausformung gehen vom Begleiter aus. Der Melodiespieler schiebt dem Begleiter oft die eine und andere Aufgabe zu, nämlich dort wo es leicht geht, neben der Begleitung her, eine dritte Stimme zu spielen.
Nach meiner Erfahrung wird weniger geredet, sondern es ändert oder richtet sich ein, indem man es öfters miteinander probiert, so lang, bis man zufrieden ist.

Sind die angewandten Gitarrentechniken in der Volksmusik anders als in der Klassik?

Der Unterschied ist vor allem beim Begleiten zu finden. Im Melodiespiel gibt es gelegentlich grifftechnische Besonderheiten. Es sind dies Griffweisen die man in der Klassik eher vermeidet.
Das Wesentliche beim Begleiten ist wohl der Anschlag der rechten Hand. Bei der Polkabegleitung das typische Abstoppen vom Bass, und im 3/4 Takt der kurzgespielte Nachschlag auf der leicht vorgezogenen 2. Zählzeit. Ich habe schon öfters darüber nachgedacht, ob man mit der Volksmusik-Begleittechnik Klassik-Gitarristen verbildet. Wichtige Leute bestätigten mir aber wenn man die Techniken kennt, kann man sowohl das eine wie das andere praktizieren.

» Bei der Polkabegleitung das typische Abstoppen vom Bass… «

» … im 3/4 Takt der kurzgespielte Nachschlag auf der leicht vorgezogenen 2. Zählzeit. «

Spielen Sie mit dem Nagel- oder Kuppenanschlag?

Ich spiele mit den Nägel und empfehle es auch denen, die mich um Rat fragen. Die Begleitung braucht einen möglichst scharfen Akkord (Nachschlag), der dem Bass gleichwertig ist. Auch wenn aufgelöste Akkorde gespielt werden und dergleichen, ergibt der Nagelanschlag einen pragnannten Ton, während der Kuppenanschlag sehr viel feiner und leiser ist.

Darf in der Volksmusik ein Vibrato gespielt werden?

In der Praxis wird es nicht gemacht. Dies hängt damit zusammen, dass viele Melodien im Bereich der Tanzmusik zu Hause sind. Das erste Gebot ist, gleichmäßiges Tempo, straffer und zuverlässiger Rhythmus, und da passt das Vibrato und andere expressive Spielweisen nicht hinein.

Ist der Fingersatz wichtig?

Ich finde Hilfen gut. Noch besser sind Hilfen, die dem Musikanten sozusagen einen Weg vorgeben, ohne jeden einzelnen Schritt festzulegen. Das ist für den Begleiter zum Beispiel, das Kennenlernen von Grifftypen die in andere Lagen übertragbar sind.
Bei Solostücken würde ich den Fingersatz dort angeben, wo man zwischen guten und deutlich schlechteren Möglichkeiten zu wählen hat.
Im Melodiespiel ist der Fingersatz für die Art der Interpretation wesentlich.
Im übrigen bin ich soviel Volksmusikant, dass ich meine: Jeder soll sich, diese Hilfen ausgenommen, seinen eigenen Weg suchen. Dies erlaubt zum Schluss dann doch Individualität und vermeidet Gleichförmigkeit.

» Im Melodiespiel ist der Fingersatz für die Art der Interpretation wesentlich. «

Als Pädagoge denke ich, dass vor der Vielfalt die Eindeutigkeit den Weg weisen soll. Also, dass für den Schüler ein Problem zu lösen, der Weg eindeutig geklärt werden sollte.

Ich habe in erster Line als jemand gesprochen, der publiziert. Im Gitarrenunterricht würde ich den Schüler gern suchen lassen, ist das Ergebnis nicht befriedigend, so biete ich ihm weitere Möglichkeiten an. Wenn es überzeugend ist, so wird er es sofort übernehmen. Wenn nicht, dann ist vielleicht sein Weg nicht so schlecht, oder es fehlt ihm an der nötigen Einstellung. Darauf muss ich als Pädagoge auch Rücksicht nehmen. Ich kann nur anbieten, was der Schüler auch verdauen kann.

Warum fehlen bei Ihnen, wie auch bei andern Notenpublikationen der Volksmusik, die Fingersätze für die rechte Hand?

Die Anweisungen zur rechten Hand sind so selten, weil sie doch schwerer verständlich sind, was vielleicht auch mit den spanischen Abkürzungen (p i m a) zu tun hat. Fingersätze für die linke Hand (1 2 3 4) und Lagenbezeichnungen sind eigentlich klar.

Gibt es Verzierungen die Sie im Melodiespiel nicht verwenden würden?

Ich verwende im Bereich der Volksmusik nie ein Mordent. Der Pralltriller ist die häufigste Verzierung.

» Der Pralltriller ist die häufigste Verzierung. «

Gibt es eine bestimmte Methode wie Sie die Gitarre stimmen?

Wir sind eigentlich immer auf folgendes Resultat gekommen: Es gibt nicht "die" Methode, sondern eine Reihe von Methoden zum Stimmen der Gitarre. Man muss sozusagen einen Kompromiss finden. Das hängt damit zusammen, dass es kaum ein Instrument gibt, das wirklich stimmt. Das kann am Instrument selbst liegen (Bundreinheit), oder auch an den Saiten. Wir versuchen dann Möglichkeiten zu finden, wie man dies am Besten ausgleicht. Das beginnt mit dem ganz einfachen Stimmen am 5. und 4. Bund (gleiche Töne), mit dem Vergleich von Flageolettönen, oder auch die Orientierung an einem höhergelegenen Bund im Vergleich zur Leersaite (Oktave).
Wenn es schnell gehen soll, so versuche ich mit dem D-Moll Akkord, ausgehend von der A-Saite zu stimmen, was vielleicht auch mit meinem Instrument zusammenhängt

Gibt es Kriterien für die Bauweise einer Gitarre, die man in der Volksmusik verwenden soll?

Es passiert relativ oft, dass ich beim Kauf einer Gitarre um Rat gebeten werde. Für das Begleitspiel empfehle ich ein Instrument das einen starken und trockenen Bass hat. Die drei höheren Saiten dürfen so eingestellt sein, dass sie bei stärkerem Anschlag auf die Bünde aufschlagen. Bestimmte Marken will ich nicht empfehlen.
Sepp Hornsteiner hat sich verschiedene historische Modelle nachbauen lassen und meinte, dass wenn er Volksmusikstücke spielt, mit einer relativ kleinen und flachen Gitarre sehr gute Ergebnisse erzielen kann.

Und was meinen Sie zum Verwenden von Kontragitarren?

Es gibt für die Kontragitarre ganz bestimmte Einsatzgebiete. Zum Beispiel passt die Kontragitarre gut zum Zithertrio, oder Sepp Winkler verwendet sie auch zum Akkordeon.
Der Ursprung der Kontragitarre liegt sicher in der "Schrammelmusik ". Ich hatte auch mal eine alte Kontragitarre besessen, die von Raab gebaut war und leider bei einem Autounfall zu Bruche ging.

Was sagen Sie einem Schüler, der das Begleiten lernen will?

Das Begleiten ist in unserer Volksmusik ein ganz wesentliches Element. Wenn man in die Überlieferungen schaut, so stellt man fest, dass zum Beispiel in einem Fund einer Geigenmusikbesetzung aus Steingaden, drei Instrumente die Melodie und acht die Begleitung spielen. Das zeigt uns, wie wichtig die Begleitung genommen wurde.
Die Begleitung ist auch deshalb wichtig, weil es sich in der instrumentalen Volksmusik vorwiegend um Tanzmusik handelt. Der Tänzer ist sehr viel mehr auf den Rhythmus, auf den Bass, auf die Schwerpunkte angewiesen, als auf die Melodie. Dasselbe gilt auch für die modernen Unterhaltungsmusik.
Das "Begleiten" hört sich so nach einer Nebensache an. Wenn man zum Beispiel den Vergleich zieht, mit dem "Begleiten" auf einem Spaziergang, so ist der Begleiter vielleicht derjenige, der den Weg kennt, der auf die Schönheiten am Weg hinweist, der vielleicht auch einmal stütz, die Initiative ergreift, rechtzeitig den Rückweg antritt, also einer der schon umfassende Fürsorge leistet und den Überblick nicht verliert.


Interview mit
Wolfi Scheck
Teil 2 ▼

Ich teile die Elemente einer Begleitung in Grundschlag und Nachschlag auf. Wie spielen Sie diese Elemente in Ihrer Begleitung?

Da es also im wesentlichen Tanzmusik ist, versuche ich es von der Körperbewegung her aufzubauen. Im geraden Zweier- und Vierertakt ist es eine relativ gleichmäßige Bewegung, wobei meistens die rechte Körperseite dominiert, so dass es eine Schwerpunktbildung im Zweierabstand gibt.
Im Dreiertakt gibt es keine einfache Bewegungsform die dazu passt, also nehme ich den Tanz als Vorlage. Der Tanz ist ein Dreierschritt mit Betonung und Beginn auf rechts und dann mit Betonung auf links. Somit ergibt sich sozusagen ein Sechsertakt mit einer stärkeren Betonung auf der 1. und einer etwas schwächeren auf 4. Zählzeit. Dazwischen, auf der 2. und 3. Zählzeit, gibt es auch durch die Körperbewegung verschiedene Gewichtungen. Man muss es körperlich erfahren und ausprobieren, dann wirkt es auf den Umgang mit dem Instrument zurück.

Wie spielen Sie den Bass beim Begleiten?

Ich spiele den Bass mit dem Daumen angelegt, somit wird er sehr energisch. Weil es gut dosierbar ist, dämpfe ich mit der Daumenkante und nicht mit dem Handballen.

Wann dämpfen Sie den Bass im 3/4 Takt?

Ich dämpfe den Bass genau dann, wenn die 2. Zählzeit angeschlagen wird.

Spielen Sie den 1. und 2. Nachschlag gleich oder anders?

Im Dreiertakt spiele ich den 1. Nachschlag möglichst kurz und auch gegenüber dem Metronom eine Spur zu früh.
Das Vorbild, das für uns am besten greifbar ist, ist der "Wiener Walzer". Den zweiten Geigern der Wiener Philharmonikern, kann man es handgreiflich absehen.

Ist es nicht so, dass im "Wiener Walzer " beide Nachschläge kurz gespielt werden?

Das stimmt. Wahrscheinlich durch die Gitarrentechnik bedingt, es kann auch überliefert sein, spielt man den 2. Nachschlag lang.

Nimmt man die Spielweise einer Blaskapelle als Beispiel, so müsste man im 3/4 Takt beide Nachschläge kurz spielen.

Das stimmt nicht. Man unterscheidet unter Volksmusikanten gute und schlechte Blaskapellen. Die guten sind die, die gute Begleiter haben, Melodiespieler müssen von Haus aus gut sein. Hier spielt genau dieses Problem eine Rolle. Wie auch wenn Geiger Nachschläge spielen, ist es ganz klar dass der 2. Nachschlag auf der 3. Zählzeit länger ist.

» Die guten sind die, die gute Begleiter haben, Melodiespieler müssen von Haus aus gut sein. «

Spielen Sie bei einer Polkabegleitung die Bässe kurz?

Es gibt zwei Musiklandschaften im südlichen Oberbayern die sich wesentlich unterscheiden. Die eine spielt den 1. Bass von vier Zählzeiten kurz und den zweiten lang, die andere Musiklandschaft spielt es genau umgekehrt, den ersten kurz und den zweiten lang.
Es gibt auch die Eigenart, dass beide Bässe kurz gespielt werden, das läuft dann unter dem Begriff: martialisch (marschmäßig).

Sie haben über "Die Gitarrenbegleitung in der Bairischen Volksmusik ", Begleitmaterial zu einem Lehrgang zusammengestellt. Ist das eine Schule?

Nein. Ich habe dieses Begleitmaterial für Teilnehmer an einem Kurs für Gitarrenbegleitung an der Volkshochschule zusammengestellt. Es wurde viel gezeigt und besprochen, was nicht in dem Heft drinsteht.

Sie geben in den Griffbildern die Punkte an, auf welcher Saite, in welchem Bund Sie greifen. Demnach würden Sie den C-Dur-Akkord ohne den 2. Finger der linken Hand greifen. Ist das auch im praktischen Spiel so?

Nein. Ich greife im Begleitspiel den 2. Finger immer mit. Dies würde ich auch in einer Neuauflage dieses Begleitmaterials ändern.

Spielen Sie die Bassläufe ausschließlich mit dem Daumenanschlag (p) oder auch im Wechselschlag: Daumen – Zeigefinger (p i)?

Grundsätzlich rate ich von allzu bewegten Bassläufen ab. Bassläufe spiele ich ausschließlich mit dem Daumenanschlag, damit Klangfarbe, Lautstärke und Energie erhalten bleibt.

Was verstehen Sie unter Binnenrhythmus?

Der Grobrhythmus stimmt mit dem Taktgerüst oder Takteinteilung überein und der Binnenrhythmus enthält die rhythmischen Vorgänge innerhalb zweier Taktstriche.
Die Takteinteilung bei tänzerischer Musik, für die ein gleichmäßiges Tempo vorgeschrieben ist, sind die Takte gleich. Der Unterschied spielt sich innerhalb der Takte, in den Takteilen ab.

Das Notieren einer Begleitung wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Abgesehen von Notationsarten mit Buchstaben, sollte nicht eine zweistimmige Form gewählt werden, die Bass und Nachschläge trennt?

Das halte ich für vernünftig, weil es auch für den Spieler im Kopf zweierlei Dinge sind. Zu den Noten habe ich versucht die musikalischen Vorgänge auch graphisch darzustellen, weil dies viele Leute über das Auge leichter aufnehmen können, was ihnen über das Ohr nicht auf Anhieb gelingt.
Ich habe ganz bewusst Notenbeispiele weggelassen, damit der Teilnehmer lernt sich auf das Gehör zu verlassen.

Bei verschiedenen Begleitspielern habe ich gehört, dass sie auch Bassläufe vom ersten zum zweiten Teil spielen und somit zwei verschiedene Tonarten verbinden. Wieso fehlen solche Bassläufe in Ihrem Heft?

Das war zu der Zeit als ich dieses Heft schrieb, große Mode. Man hat nirgends mehr ein Stück gehört, indem nicht zwischen zwei Teilen in verschiedenen Tonarten ein solch verbindender Basslauf gespielt wurde. Dem wollte ich etwas entgegensteuern.

Könnten Sie auf der Gitarre ein Beispiel einer Walzer- und einer Polkabegleitung spielen?

Beschreibung:
Walzer (3/4 Takt): Der Bass wird mit dem Daumen angelegt angeschlagen und mit dem 1. Nachschlag, der kurz gespielt wird, zusammen gedämpft. Der Bass wird mit dem Daumenballen gedämpft und der Nachschlag mit den Fingern (a m i) entsprechend der vorher angeschlagenen Saiten. Der 2. Nachschlag wird lang gespielt und klingt bis zum nächsten Bass.

Polka (2/4 Takt): Der kurzgespielte Bass wird mit dem Daumen angelegt angeschlagen und gleich nach dem Anschlag mit der Daumenkante gedämpft. Die Nachschläge werden kurz gespielt und mit den Fingern gedämpft. Die linke Hand unterstützt das Dämpfen durch das Abheben der Finger vom Griffbrett, ohne dass die Finger die Saiten verlassen.

Gibt es Hinweise wie man früher, im 19. Jahrhundert, begleitet hat?

Aus dem Jahr 1880 habe ich eine Notenhandschrift, in der eine Gitarrenbegleitung komplett aufgeschrieben steht. Die Begleitung ist sehr stark auf die Melodie bezogen. Das heißt, man hat versucht, dort etwas zu tun wo die Melodie sozusagen stillsteht. Man hat kaum Weschselbässe gespielt und auch sehr viel seltener als heute Bassläufe benutzt.

Womit ich nicht so viel anfangen kann ist mit der Gitarrenbegleitung in "Bauernmusi ".

Ich habe eher den Eindruck, dass diese Gitarrenbegleitung am Klavier gemacht wurde. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die beiden Herausgeber Zoder und Preiß überhaupt Gitarre spielen konnten.

In den "Münchner Musikblätter ", herausgegeben von Sepp Eibl, war ein Abdruck der Oberlandler-Tänze von Herzog Max in Bayern (1808-1888). Die Gitarrenbegleitung steht in einer für die Volksmusik atypischen Art. Kann man davon ausgehen, dass zu der Zeit in der Volksmusik die Gitarre so begleitet hat?

Wenn man sich an den Quellen orientiert, dann muss man natürlich sagen, zu Zeiten des Herzog Max scheint das üblich gewesen zu sein. Wobei der Herzog Max kein typischer Volksmusikant war, sondern ein Adeliger, der seine verschiedenen Freundinnen Klavierkompositionen widmete, die nachträglich für Zither, Violine und Gitarre übertragen worden sind. So gesehen ist Vorsicht geboten, daraus Schlüsse zu ziehen. Diese vielen Kompositionen von Herzog Max haben einen großen Einfluss auf die Volksmusik gehabt.

Wieso gibt es in der "Sänger- und Musikantenzeitung " zu den Noten oder Beiträgen keine Plattenhinweise (Discographie)?

Vom pädagogischen Standpunkt aus, wäre dies wohl sehr vernünftig. Zu meiner Aufgabe als Volksmusikpfleger ist es gefährlich, weil es eine Uniformierung bewirkt. Diese Uniformierung, auch wenn sie dem bestmöglichen Beispiel folgt, wollen wir nicht. Was wir wollen ist das Erhalten der Vielfalt. Vielfalt entsteht dort wo wir nicht so genaue Informationen geben, und sich der einzelne um seinen Weg bemühen muss. Wenn ich schreibe "der" spielt dieses Stück "da", dann produzier ich damit automatisch, dass junge Gitarristen versuchen, den Betreffenden bis auf das Letzte zu kopieren.

In welche Gegenden oder Landschaften unterteilen Sie die Volksmusik?

Wir bezeichnen das als Regionen, in denen ein bestimmter musikalischer Dialekt gebraucht wird. In neuerer Zeit ist dies etwas schwammig geworden, weil die Medien manche Vermischungen bringen, was man nicht nur negativ beurteilen muss. Oberbayern lässt sich etwa in 15 verschieden Regionen aufteilen, in denen unterschiedliche Dialekte zu Hause sind.
Im südlichen Oberbayern richtet sich das nach den Gebirgstälern entlang des Lechs, der Loisach, der Isar, dann das Tegernseertal, Chiemgau, Rupertiwinkel, Salzach und Berchtersgaden. Weiter nach Norden gibt es das Gebiet zwischen Ammersee und Starnbergersee, was man nach der Einteilung der Trachtler als Husigau bezeichnet, dann Lechrain als Gegend nördlich vom Ammersee und Landsberg. Die Umgebung von München ist kein einheitliches Gebiet, das einen einheitlichen musikalischen Dialekt aufweist. München ist beeinflusst vom Umland und stellt ein großes Gemisch dar. Es gibt aber einzelne Stadtviertel die ganz deutlich von bestimmten Gegenden des Umlandes musikalisch abhängig sind. So zum Beispiel die musikalischen Ahnen von Giesing, sie sind sicher in Holzkirchen, Miesbach und Schliersee zu suchen. Im Nordosten äußern sich Gegenden dachauerisch, sowohl von der sprachlichen, wie auch von der musikalischen Ausdrucksweise. Weiter gibt es im Norden die Holledau, die Umgebung von Schrobenhausen, Donaumoos und Ingolstadt. Neu hinzugekommen ist Eichstätt, das schon sehr fränkisch bestimmt ist. In der Gegend um Altötting, Markl und Burghausen, herrscht schon der niederbayrische Einfluss. Wasserburg ist eine eigenständige Region. Das vielleicht charakteristischte ist Berchtersgaden und Salzburg. Solche Grenzüberschreitungen gibt es auch in Mittenwald und Tirol.
Nach meiner Ansicht ist es auch nicht so wichtig, dass man solche Musiklandschaften genauer festlegt, denn da ist inzwischen ein geben und nehmen entstanden. Rundfunk, Fernsehen und die verschiedenen Tonträger bewirken, wie schon erwähnt, eine Einebnung dieser Unterschiede.

» Rundfunk, Fernsehen und die verschiedenen Tonträger bewirken, … eine Einebnung dieser Unterschiede. «

In der Volksmusik spricht man sehr oft von Allgäuer Musikanten, oder Musikanten von Garmisch usw. Ist es nicht so, dass sich hinter diesen Ortsnamen Persönlichkeiten verbergen, die man genauso als Personen beim Namen nenne könnte?

In Oberbayern wird die Volksmusik von sehr vielen Schultern getragen. Natürlich gibt es Exponenten wie Sepp Eibl, Sepp Winkler, Martin Schwab, Franzi Schwab usw. Ich müsste die Liste auf hundert Leute erweitern, die wesentliche Dinge getan haben, Neuerungen in verschiedenen Bereichen, oder bestimmte Elemente der Tradition wieder ausgegraben und brauchbar gemacht haben, oder auch einfach publiziert haben.
Ich sehe allerdings wie die Situation anderswo ist. Im Allgäu sehe ich fünf Leute die Ideen haben und ihre Sachen vorwärts bringen. In Franken sehe ich drei Leute und in der Oberpfalz zwei Leute. Insofern ist schon ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Oberbayern und anderen Musiklandschaften.

Wie machen Sie die zeitliche Einteilung der Volksmusik

Wir kennen wenige Reste aus der Zeit vor 1800, wo Bordun, Dudelsack und Drehleier noch gespielt wurden und es Verbindungen zur Alten Musik gab.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Aufblühen der ersten harmonisch orientierten Volksmusik feststellbar, und es entstanden die ersten Blasmusikkapellen.
Die großen Notenbestände der Volksmusik gehen auf die zweite Hälfte des19. Jahrhunderts zurück, als die Militärmusiker von der Stadt auf das Land zurückkehrten.
Von Anfang dieses Jahrhunderts bis etwa um die Zeit um 1930 gab es einen relativen Stillstand.
Von da ausgehend ist durch die Bemühungen von Kiem Pauli und seinen Weggenossen eine Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen. Durch den letzten Krieg wurde dies unterbrochen und danach wieder fortgesetzt.
Mit der Tendenz zur Saitenmusik, die früher eher dem privaten Bereich zugeordnet wurde, der Verbreitung durch Tonträger und den vielen Volksmusikveranstaltungen, gewann die Volksmusik an Beliebtheit.
Was mir an der Entwicklung der Volksmusik nicht so gefällt ist, das sich wegbewegen vom tänzerischen, weil damit ein wesentliches Element verloren geht. Eine relativ neue Tendenz der Volksmusik, für die ich mich auch einsetze, ist das Musizieren in der Kirche. Ein weiteres ist das fördern von neuen alten Klängen, in meinem Fall zum Beispiel das dreistimmige Zitherspiel.

Was halten Sie von der Gruppe "Biermösl Blosn"?

Ich glaube das dies ein Weg ist, den die Volksmusik gegangen ist, allerdings etwas abseits. Politische Kritik zu üben und kabarettistische Elemente einzubringen hat es in Einzelfällen schon früher gegeben. Wenn man die ersten 60 Saiten des Kiem Pauli liest so ist viel Kritik der Knechte an den Bauern und den Bauern an ihren Knechten zu finden, nach dem Spruch: "Beim kalten Winter, das ist ein Wetter für meine Knecht', arbeiten sie nicht schnell, dann friert sie's recht". Aktuelle Kritik an der Gesellschaft und den Ständen hat es immer schon gegeben, nur ist es meist von kurzlebiger Dauer.

Das oder "der" Radio war für die Entwicklung der bairische Volksmusik wichtig. Es soll auch riesige Bestände an Volksmusikaufnahmen geben.

Der Bayrische Rundfunk hat etwa seit 1922 regelmäßig Volksmusiksendungen ausgestrahlt. Das hieß damals "Deutsche Stunde in Bayern". Während der Nazi-Zeit wurde dies missbraucht zur Gleichschaltung und Unterdrückung von allem Religiösen. Nach dem Krieg waren die Volksmusiksendungen wieder ein ganz wesentlicher Bestandteil des Programmes.
In den letzten 15 Jahren, die Ära von Artmaier, ist die Volksmusil ziemlich verkommen. Man hat weder Wert auf beispielhaftes Altes, noch Wert auf interessantes Neues gelegt. Während dieser Zeit sind viele gute Sänger und Musikanten nach Salzburg, Innsbruck, Bozen, Lienz oder Stuttgart gefahren und haben dort ihre Aufnahmen gemacht. Seit Fritz Meier dreht sich die Sache wieder.

Kannten Sie Franz Holzfurtner?

Franz Holzfurtner war ein begabter und gesuchter Gitarrenlehrer in München. Er hat zusammen mit Pfänder und Eitele in einem Gitarrentrio gespielt und hat die klassische Gitarrentechnik auf die Volksmusik angewandt. Durch Rundfunksendungen war seine Musik sehr beliebt und wurde zum Vorbild vieler Gitarrenspieler.

Darf Volksmusik kommerziell sein?

Schwierig! Musikanten sind früher immer bezahlt worden und sollten das auch heutzutage. Wenn ich jemanden zu einer Veranstaltung einlade, so kriegt er eine gute "Brotzeit", Fahrgeld und 100.- Mark. Was dahinter steckt ist: Wir wollen uns nicht vorschreiben lassen, was wir zu tun oder zu mögen haben. Je niedriger das finanzielle Niveau ist, umso grösser bleibt die Freiheit des musizierens.
Wenn jemand 300.- Mark bieten würde, damit man das "Kufsteinlied" spielt, so werden sich 98 Prozent der Volksmusikanten sagen: Behalte dein Geld, ich behalte meine Ehre.

» … Volksmusikanten sagen: Behalte dein Geld, ich behalte meine Ehre. «

Ist die "volkstümliche" Musik für Sie ein heißes Eisen?

Ich packe die Konfrontation schon an, allerdings gibt es viele Leute die dies verhindern wollen. Zum Beispiel war im Juni (1992) eine Frau vom Bayrischen Fernsehen hier und führte ein Interview. Es ging um die Stellungnahme eines Volksmusikanten zur "volkstümlichen" Musik. Ich bereitete mich gut vor und sprach von vielem, was "Hand und Fuß" hatte. Diese Frau war auch beim Hans Well von den "Biermösl Blos'n", der sich auch sehr deutlich dazu äußerte. Auf der Gegenseite waren die Exponenten: Karl Moik, Lolita und Hans Baierlein. Der Beitrag der daraus entstand wurde aber nicht gesendet. Bei der Nachfrage hieß es dann: Der zuständige Redakteur hätte den Beitrag abgesetzt, denn das sei der "volkstümlichen" Musik nicht zuzumuten.
Ich glaube auch, dass es eine "heilige Allianz " zwischen der GEMA und einem Teil des Bayrischen Rundfunks gibt.

Stehen die Volksmusikanten mit der GEMA auf "Kriegsfuß"?

Es gibt einen breiten Konsens mit der GEMA, dass wir das, was wir an Volksmusik besitzen, in den Grundzügen von den "Alten" geerbt haben. Wir mussten nichts dafür leisten, außer uns der Sache zu bemächtigen. Deswegen sollte dieses Geschenk nicht ein einzelner in Besitz nehmen, sondern frei verfügbar bleiben. Genauso großzügig und freigiebig wie wir es bekommen haben, sollten wir es auch weitergeben.
Deshalb ist uns die Praxis der GEMA, nicht die GEMA grundsätzlich, ein Dorn im Auge. Die GEMA lässt nämlich ungeprüft zu, dass beispielsweise ein Quirlin Amper oder ein Alfons Bauer eine Kopie aus einem Volksmusikheft macht, bei der GEMA einreicht und unter ihrem Namen schützen lässt. Dies ist in über 250 Fällen beweisbar. Trotzdem haben wir kaum Möglichkeiten dagegen anzugehen.
Die Realität heißt: Herr X nimmt das Stück Y aus einem Volksmusikheft, transponiert es einen Ton höher und meldet seine Bearbeitung an. Ab jetzt kassiert Herr X für jede Aufführung dieses Stückes, egal ob seine Fassung verwendet wurde oder eine andere. Die GEMA schluckt das und fördert somit solche Praktiken. Das ist ein Schlag gegen die Volksmusik und gegen Freiheit die wir heute so sehr lieben.

Interview: René Senn
Das Gespräch wurde am 07.08.1992 und am 07.10.1992 in Ohlstadt aufgenommen.
(Archiv: R. Senn)