Volksmusik Blog

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Februar 2018

»Ich habe die Technik auf meine Vorstellung des Gitarrenklanges eingerichtet.«

Interview mit Wolfgang Neumüller (1992)

▼ Interview mit Wolfgang Neumüller

Können Sie etwas zu Ihrer Person sagen und wie Sie das Musizieren begonnen haben?

Ich bin 1947 in Holzkirchen, im bayerischen Oberland, geboren. In der Familie musizierten beide Elternteile. Die Mutter spielte Klavier und der Vater war das, was man einen Volksmusikanten nennt. Zuerst spielte er auf dem Akkordeon einfache Unterhaltungsmusik. Mit Tobi Reiser als Vorbild hat er den Weg zur Volksmusik gefunden und die Musik von ihm nachgespielt.
Als junger Bub hatte ich die Gelegenheit, die Instrumente, die da waren auszuprobieren, so zum Beispiel: Hackbrett, Akkordeon und Harfe, später dann auch die Gitarre. Während ich auf diesen Instrumenten zu musizieren versuchte, lief gleichzeitig eine klassische Ausbildung auf dem Klavier, die ich mit 6 Jahren begonnen hatte. Im Alter von 14 Jahren hatte ich den Wunsch Musiklehrer zu werden. So wurden hinsichtlich der Ausbildung die Weichen gestellt. Weil damals nur Geige und Klavier zugelassen war, lernte ich als zweites Instrument die Geige. Nebenher verfolgte ich immer den volksmusikalischen Zweig. Ich musizierte mit Freunden zusammen in der Besetzung mit zwei Gitarren und Zither. Wir spielten – wie mein Vater – die Stücke von Tobi Reiser nach, entweder nach Noten oder wir haben uns die Stücke abgehört.
Ich hatte dann die Lehrtätigkeit an einem Gymnasium in Marktredwitz aufgenommen. Später zog es mich ins Chiemgau, wo ich seit 20 Jahren am Gymnasium in Rosenheim unterrichte. Mein damaliger Schulleiter ermöglichte mir einen Wahlunterricht für Volksmusik einzurichten.

» Mit Tobi Reiser als Vorbild hat er den Weg zur Volksmusik gefunden… «

Haben Sie auch in der Familie mit Geschwistern oder Ihrem Vater musiziert?

Ich bin das einzige Kind. Mein Vater musizierte in einer Gruppe mit fünf Leuten. Als 17-jähriger bin ich für den Hackbrettspieler eingesprungen und so in die Gruppe hineingewachsen.
Mein Vater und ich hatten noch die Gelegenheit mit dem Kiem Pauli zusammenzukommen. Auch mit Tobi Reiser trafen wir uns gelegentlich. Wir waren eigentlich sehr aktiv zu dieser Zeit.

Wie haben Sie das Gitarrenspiel gelernt?

Ein Schulfreund konnte auf der Gitarre ein wenig Begleitung und Melodie spielen. Ich hatte auf seiner Gitarre etwas herumprobiert und äußerte dann zu Hause den Wunsch, Gitarre spielen zu wollen. An Weihnachten lag dann eine 60-Mark-teure Sperrholzgitarre mit einer Gitarrenschule unter dem Weihnachtsbaum. Im Selbstunterricht versuchte ich meine ersten »Gehversuche«.
Ein Freund meines Vaters spielte klassische Gitarre und gab mir verschiedene Tipps, ohne dass dies die Form eines Unterrichtes annahm. Er hat mir auch seine Gitarre geliehen, da meine so schlecht zu spielen war.
Ich hab mir dann viele Aufnahmen von Tobi Reiser angehört und mich gefragt: Wie macht er das? Wie klingt das? Was muss ich tun, dass es auch so klingt? So hatte ich versucht mein Gitarrenspiel ohne Unterricht weiter zu entwickeln.

» Was muss ich tun, dass es auch so klingt? «

Spielen Sie auf der Gitarre mehrheitlich Begleitung oder Melodie?

Am Anfang spielte ich kleine Solostücke aus der Carcassi-Schule. In dem Trio mit zwei Gitarren und Zither spielte ich entweder die Begleitung oder die Melodie. Heute spiele ich im Gitarrenduo mit meiner Freundin Uschi Mader zusammen. Ich spiele die Melodie und sie die Begleitung. Spielt sie die Harmonika, so spiele ich die Begleitung. Mit Günther Arnold, der die dritte Gitarre spielt, bilden wir auch ein Gitarrentrio. Insgesamt bin ich eher ein Melodiespieler.

Wie sind Ihre Notenhefte (Gitarrenstückl 1 und 2) entstanden? Haben Sie die Stücke zuerst gespielt, oder haben Sie die Stücke aufgeschrieben und dann gespielt?

Zuerst spielten wir die Stücke. Das erste Heft ist vor etwa 17 Jahren entstanden. Wir nannten uns das Hugl-Gitarrentrio und waren die ersten, die in unserer Gegend mit drei Gitarren musizierten. Ich machte selber Stücke, übte und studierte sie ein und dann spielten wir sie vor. Auf einer Veranstaltung in Riedenburg bot mir Herr Preißler an, die Stücke in seinem Verlag zu publizieren. Der Bayerische Rundfunk hat damals diese Stücke mit uns aufgenommen.
Alles ging sozusagen Hand in Hand: einerseits selber Stücke zu machen, dann die Aufnahmen mit dem Bayerische Rundfunk und das Angebot die Noten zu publizieren.

Wie ist die »Zweite« und »Dritte Stimme« entstanden? Haben Sie sich die Melodien vorgestellt und weitere Stimmen aufgeschrieben, oder haben Sie die Melodien aufgenommen und weitere Stimmen dazugefunden, oder ist es im Zusammenspiel durch Ausprobieren entstanden?

Alle diese Möglichkeiten, die Sie angesprochen haben, waren vertreten. Teilweise übten wir zusammen und haben vieles ausprobiert. Danach notierte ich mir die einzelnen Stimmen aus dem Gedächtnis. Es war auch so, dass ich ein Stück im Kopf hatte und gleichzeitig die Vorstellung von weiteren Stimmen. In diesem Fall schrieb ich die Noten auf und vermittelte es den Mitspielern, zum Teil auch nach Gehör. Wir musizierten auch nächtelang zusammen und das Tonband lief mit. Beim späteren Abhören notierte ich die einzelnen Stimmen.

Kontrollieren Sie das Zusammenspiel mit Tonbandaufzeichnungen?

Ja. Gerade bei langsameren Stücken ist das Zusammenspiel oft diffiziler als bei rhythmischen.

Uschi Mader

Uschi Mader: Vor allem bei höfischen Stücken, wenn bestimmte Mollbässe da sein müssen, geht es um eine genaue Begleitung.

Wir hatten das Glück, dass wir voneinander lernen konnten. Uschi war mit der Gitarre ganz am Anfang und ich lernte die Harmonika spielen. Durch das gemeinsame Üben und Spielen profitierten wir voneinander. Damit Uschi die Gitarrenbegleitung üben konnte, habe ich über das gleiche Akkordschema verschiedene Melodien gespielt. Es war auch für mich eine sehr fruchtbare Zeit, weil sich bei mir ein Melodienreichtum entwickelt hat, den ich sonst gar nicht gebraucht hätte. Auch so sind viele neue Melodien entstanden.

In welchen Besetzungen haben Sie noch musiziert?

Bis vor 10 Jahren spielte ich das Akkordeon in einer Tanzlmusi. Es war eine tirolerisch angehauchte Besetzung mit zwei Flügelhörnern, Posaune, Harfe und Tuba. Davor spielte ich in der Bachleiten-Musi zusammen mit meinem Vater (Akkordeon), meiner Frau (Altflöte) und zwei Freundinnen (Zither und Gitarre) nach dem Vorbild der Ruperti-Winkler Musikanten. In dieser Zeit entstanden auch etliche Stücke für diese Besetzung.
Mit Uschi spiele ich auch im Harmonika-Duo oder mit Akkordeon und Gitarre. Mit Hans-Peter Röck aus dem Oberpinzgau, der das Hackbrett spielt, machten wir eine Weihnachtsproduktion.

Spielen Sie auch Gitarrenbegleitung zu Liedern, die gesungen werden?

Es war mir schon immer ein wichtiges Anliegen, Lieder gut begleiten zu können. Seit ich musiziere bin ich mit Akkordeon und Gitarre unterwegs und habe Gesangsgruppen begleitet.
Singe und spiele ich gleichzeitig, so bereitet es mir manchmal Schwierigkeiten, dass beides zufriedenstellend klingt. Bei Auftritten habe ich die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, wenn man sich nicht selbst begleitet.

Zu welchen Anlässen musizieren Sie?

Früher hatten wir auch bei Volksmusik-Großveranstaltungen mitgemacht. Jetzt mögen wir es nicht mehr so sehr, auf einer Bühne zu sitzen mit vielleicht 50 anderen zusammen. Man ist in drei Stunden hingefahren, 200 Kilometer, hat dann zwei Stücke gespielt und fährt dann in der Nacht wieder drei Stunden zurück. Uns interessiert es mehr in einem kleineren Kreis, auf kleineren Bühnen zu musizieren. Mitten unter Leuten zu spielen ist uns viel lieber geworden, weil sich da spontan mehr ergeben kann.
Im Advent musizieren wir öfters im kirchlichen Rahmen.
Eine gute Gelegenheit zu musizieren sind auch die Musikkurse an Wochenenden oder zweimal im Jahr eine ganze Woche in der Steiermark und Tirol. Die Uschi und ich sind da als Referenten tätig.

» Uns interessiert es mehr in einem kleineren Kreis, auf kleineren Bühnen zu musizieren. «

Uschi Mader: Wenn man den ganzen Tag im Unterricht war, dann möchte man als Lehrer auch selber spielen. Man hat Gelegenheit, mit anderen guten Musikanten zusammen zu spielen und es sind manchmal musikalische Sternstunden, die man sonst nirgendwo erleben kann.

Gibt es von Ihnen Aufnahmen?

Auf der Schallplatte »Stubenmusi«, eine Reihe von Wastl Fanderl, sind ein paar Stücke vom Hugl-Gitarren-Trio aufgenommen.
Beim Pfarrer Franz Nigl in Unterwössen musizierten wir im geistlichen Bereich. Wir waren jahrelang an jedem Erntedankfest, Adventsingen und Weihnachtssingen dabei. Davon wurden verschiedene Platten, hauptsächlich mit geistlicher Musik, gemacht. Wir waren mit dem Hugl-Gitarren-Trio und später mit der Kohlstatter Musi dabei.
Eine für mich wichtige Platte war »Im Buchsbaumer Wald«. Wir hatten sie zusammen mit den Geschwister Röpfl gemacht. Ich hatte die Gelegenheit, diese Platte selber musikalisch zu gestalten, d.h., die Geschwister Röpfl wollten bestimmte Lieder aufnehmen. Es waren Liebeslieder, und ich konnte mit zwei Musikgruppen, der Bachleiten Musi und dem Gitarrentrio, die passenden Musikstücke und Einspielungen dazu machen.
Nach jahrelanger Funkstille wird zum nächsten Advent die Produktion: »Advent in St. Leonhard« veröffentlicht. Zu zwei Gesangsgruppen konnten wir die Begleitungen und den musikalischen Rahmen gestalten.
Weiter habe ich bei etwa 200 Rundfunkaufnahmen von verschiedenen Sendern mit diversen Instrumentalgruppen mitgewirkt.

Was haben Sie an Noten veröffentlicht?

Es gibt zwei Hefte: »Gitarrenstückl 1 und 2«. Das erste nach der Vorlage der Hugl Musi und der Kohlstatter Musi, das zweite von den Altmühldorfer Musikanten.
Es gibt auch zwei Hefte für Akkordeon mit größtenteils eigenen Stücken.
Das Problem war für mich, dass ich niemandem Stücke »stehlen« wollte. Mich hat es immer schon interessiert, Stücke, die ich selber gern spiele und die nicht veröffentlicht sind, herauszugeben. Ich habe mich gescheut, mich mit den rechtlichen Dingen wie GEMA usw. auseinanderzusetzen. Also war ich bestrebt, lieber eigene Melodien, die mir über längere Zeit gefallen haben, zu verwenden.
Vor zwei Jahren war eine Initiative in Tirol, die gesamte Musik von dem Blasmusikanten Gottlieb Weissbacher zu veröffentlichen. Von einigen dieser Stücke habe ich eine Akkordeonfassung gemacht. Für uns spielt auch die Diatonische Harmonika eine große Rolle. Uschi hat sich schon lange damit beschäftigt. So gibt es auch ein Harmonikaheft mit eigenen Stücken.
Ich habe auch eine Transkription von Raffelestücken aus Südtirol erarbeitet, die vom Institut für Volksmusikerziehung in Südtirol herausgegeben wurde.
Diverse Aufsätze, zum Beispiel über das Akkordeon, wurden in der »Sänger- und Musikantenzeitung« veröffentlicht.
Eine umfangreichere Arbeit war die Erforschung des Harmonika- und Gitarrenspiels in Südtirol für das »16. Volksmusik-Forschungs-Seminar in Bozen 1987«.
Eine für mich wichtige Sache ist der »Begleitkurs für Gitarre«. Er beinhaltet eine Sammlung von gängigen Begleitfiguren der alpenländischen Volksmusik. Es sind Beispiele aus der Musikpraxis von Tobi Reiser und Kiem Pauli. Natürlich gehört auch Martin Schwab dazu, der wesentliche Neuerungen brachte, was das rhythmische Begleiten anbelangt. Daraus habe ich Begleitmodelle, die oft zur Anwendung kamen, zusammengestellt.

» Martin Schwab… der wesentliche Neuerungen brachte, was das rhythmische Begleiten anbelangt. «

Der Begleiter hat eine wichtige Funktion. Er ist für den Rhythmus und das harmonische Geschehen verantwortlich. Er soll sich nicht in den Vordergrund spielen, weil die Melodie das tragende Element ist. Der Begleiter liefert sozusagen den Unterbau. Weiter sollte er sorgfältig mit Bassgängen und harmonischen Erweiterungen der Nebenstufen umgehen, nicht dass er die Melodie erschlägt und »kaputt« macht.
Da wir es sehr oft mit Leuten zu tun haben die mit den Noten auf Kriegsfuß stehen, habe ich die Akorde mit Griffbildern dargestellt. Die Akkorde und auch die Bassläufe können so optisch umgesetzt werden. Wenn man die Gelegenheit hat, mit den Leuten eine Woche zusammen zu musizieren, kann das Begleiten anhand der gespielten Melodien geübt werden. Zuhause fehlt ihnen dann das Melodiespiel und sie sind so gezwungen »trocken« zu begleiten. Es entstand die Idee, eine Kassette mit Melodien die begleitet werden können, zusammenzustellen. Diese Begleitungen können einerseits auf der Kassette als Hörbeispiele gehört werden und sind andrerseits auch in einem Begleitheft aufgeschrieben. Wichtig ist, dass das Hörbeispiel da ist. Man hört, wie die Bässe angeschlagen werden, wie abgestoppt wird und wie die Begleitung klingt.

Warum haben Sie diesen Begleitkurs nicht veröffentlicht?

An sich biete ich es schon an, nur mach ich keine Reklame. Ich habe viele Lehrerkollegen, die an Musikschulen mit der Kassette und dem Heft arbeiten. Es ist als Unterrichtshilfe für Lehrer gedacht. Auf die Anschlagstechnik und die Rhythmuslehre habe ich bewusst verzichtet. Die Voraussetzung ist, dass der Lernende die Akkorde, das Umgreifen und die elementaren Anschlagstechniken kann.

Haben Sie auch etwas ähnliches für das Melodiespiel gemacht?

Ja, aber noch ohne Kassette! Viele Melodien der alpenländischen Volksmusik laufen über die Dreiklänge. Vom praktischen Können des Begleitens lassen sich schon einfache Instrumentalmelodien spielen.

Können Sie etwas über die Haltung der Gitarre sagen?

Da ich das Gitarrenspiel nicht bei einem Lehrer gelernt habe, bin ich in der Frage der Haltung auch nicht beeinflusst worden. Ich verhielt mich so, dass der Klang, der aus der Gitarre herauskam für mich am Besten war. Ich habe die Technik auf meine Vorstellung des Gitarrenklanges eingerichtet. Ich versuchte wie Tobi Reiser zu spielen, so wie ich es bei ihm gesehen hatte. Ich habe ihn an Veranstaltungen erlebt und konnte ihm genau auf die Finger schauen.
Nur mit einer runden Fingerhaltung der rechten Hand, ist es mir möglich die Begleitung so zu spielen, dass sie hart und kurz klingt und beim Abstoppen fast »scheppert«. Die Finger »rupfen« sozusagen die Saiten.
Bei Gitarrenspielern der klassischen Haltung ist es nicht möglich diesen Klang zu realisieren. Mit meiner Technik bin ich teilweise im Melodiespiel benachteiligt. Ich spiele keinen angelegten Anschlag.

» Bei Gitarrenspielern der klassischen Haltung ist es nicht möglich diesen Klang zu realisieren. «

Haben Sie Tobi Reiser über seine Technik befragt?

Eigentlich nicht! Ich habe meine Spielweise von ihm bestätigt gefunden. Ich spielte in seiner Art und das hat ihm auch gefallen. Er sagte: er möchte die »Tanzl«, die er sonst auf der Geige spielt, auf die Gitarre umsetzen. Er legte mehr Wert auf das tänzerische Spiel als auf einen schönen, runden, klassischen Ton.

» Tobi Reiser… legte mehr Wert auf das tänzerische Spiel als auf einen schönen, runden, klassischen Ton. «

Der Zitherspieler Schwab Franzi hat über längere Zeit mit Tobi Reiser zusammengespielt. Er bestätigte mir schon öfters, dass mein Spiel dem vom Tobi Reiser sehr ähnlich sei. Einerseits erfüllt mich dies mit Stolz, andrerseits möchte ich Tobi Reiser nicht einfach imitieren, sondern auch meinen eigenen Stil zum Ausdruck bringen.
Spiele ich ein Stück von Tobi Reiser oder eines, was aus dieser Art heraus geboren ist, so möchte ich die klangliche Spielweise von ihm verwirklichen. Seine Staccato-Spielweise im Melodiespiel muss man immer wieder anhören, bis man sich keine Gedanken mehr macht und es genauso spielt.
In der Volksmusik gibt es gewisse Grundvorstellungen wie es zu klingen hat. Trotzdem sollte jeder seine Spielweise entdecken und sein eigenes Gefühl spielen lassen können. Das gleiche Stück wird in Südtirol anders phrasiert als beispielsweise bei uns. Dies ist auch richtig so. Mit einer ausgeschriebenen Phrasierung, Staccato- und Legatozeichen, möchte ich dies in den Noten nicht festlegen und beeinflussen, sonst wird es letztlich überall gleich gespielt.

» In der Volksmusik gibt es gewisse Grundvorstellungen wie es zu klingen hat. Trotzdem sollte jeder seine Spielweise entdecken und sein eigenes Gefühl spielen lassen können. «

Spielen Sie auf der Gitarre ein Vibrato?

In ruhigeren Melodien spiele ich öfters ein Vibrato als beispielsweise bei einer Polka. Bei Tondokumenten, die jetzt schon fast 50 Jahre zurückgehen, hört man immer wieder ein Vibrato im Instrumentalspiel. Zum Beispiel Hans Reiter von den Tegernseer Musikanten spielt ein ausgeprägtes Vibrato auf der Schoßgeige.

Stimmen Sie die Gitarre nach einer bestimmten Methode?

Ich bin erst seit ein paar Jahren Besitzer eines Stimmgerätes. Es ist sehr hilfreich, wenn man stimmen soll und es ist laut um einem herum. Ansonsten stimmen wir nach den Instrumenten mit denen wir zusammenspielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn die 1. Leersaite mit der 2. Saite im 5. Bund genau stimmt, es nicht in jeder Tonart stimmt. Deswegen ist ein Nachstimmen in der Tonart notwendig, in der das Stück gespielt wird. Ich kenne auch bestimmte Schwachpunkte der Intonation in einem Stück und stimme dann mit gewissen Kompromissen darauf hin.

Warum haben Sie in der ersten Notenausgabe der »Gitarrenstückl 1« keinen Fingersatz angegeben?

Am Anfang war es für mich so, dass ich einfach die Melodien weitergeben wollte. Der Verleger wollte dann den Fingersatz zu den Noten dazugeschrieben haben. Er hat einen weiteren Gitarrenspieler hinzugezogen und manche Vorschläge habe ich dann auch übernommen. Es stellten sich grundsätzliche Fragen, wie zum Beispiel Terzen zu spielen sind usw.

Ist der Fingersatz für das Gitarrenspiel wichtig?

Der Fingersatz ist im Allgemeinen für das Gitarrenspiel schon wichtig. Wenn eine Klangvorstellung da ist, kann auch ein »Wald- und Wiesen-Fingersatz« richtig sein. Mit einem bestimmten Fingersatz, erhalte ich eine bestimmte Phrasierung.
Mit dem Fingersatz gebe ich dem Schüler Hinweise, wie er Melodien oder Griffkombinationen spielen kann, dass sie auch entsprechend flüssig klingen.

» Mit einem bestimmten Fingersatz, erhalte ich eine bestimmte Phrasierung.? «

Gibt es Verzierungen die Sie im Melodiespiel nicht verwenden?

Nein! Ich entscheide dies eher gefühlsmäßig. Bei einfachen Melodien spiele ich öfter zum Beispiel vor der 1. Zählzeit einen Vorschlag und arpeggiere die Terzen. Das Schleifen (Glissando) auf einer Saite darf man auch mal hören, gerade bei langsamen Stücken. Es sollte aber nicht zur Marotte werden.

Zur Zeit analysiere ich die Musik von Schwab Franzi und den Rupertiwinklern. Da spielte ein Gitarrenspieler mit, er ist vor über 20 Jahren tödlich verunglückt, der für mich ein hervorragender Begleiter war und für mich auch ein absolutes Vorbild ist. Er war einfallsreich, hatte aber nie die Funktion des Begleiters außer Acht gelassen, was die Melodie an den Rand bringen könnte. Er hat sowohl die Akkorde nach »außen«, als auch nach »innen« fallend arpeggiert.

Haben Sie für diese Begleitverzierung einen bestimmten Begriff?

Uschi Mader: Ich sage: mit den Fingern nach »außen rollen« oder nach »innen rollen«.

Wie spielen Sie den Grundschlag und den Nachschlag einer Polka-Begleitung?

Grundsätzlich spiele ich bei einer Polka den Grundschlag und den Nachschlag abgedämpft, abgestoppt. Der Bass auf dem Grundschlag erfolgt mit dem Daumenanschlag nach innen auf die nächste Saite (apoyando), fast in das Schalloch reinfallend, und wird mit dem Daumenrücken abgestoppt. Schlägt man den Daumen nach außen an (tirando), schwingt die Saite ungünstiger. Manchmal stoppe ich auch mit dem Daumenballen ab.
Der Nachschlag wird mit den Fingern gespielt, die sofort nach dem Anschlag auf die Saiten zurückfallen und abstoppen.
Es ist auch möglich den Bass mal lang zu spielen. Bei einem Bassgang wird nicht jeder Ton kurz gespielt.

» Manchmal stoppe ich auch mit dem Daumenballen ab. «

Und bei einem Walzer oder Halbwalzer?

Der Bass auf dem Grundschlag klingt bis zum 1. Nachschlag. Der Daumen wird an die nächsthöher klingende Saite gespielt (apoyando) und dämpft dann mit dem Daumenrücken die Saite. Der Akkord auf dem 1. Nachschlag ist kurz gespielt, auf dem 2. Nachschlag lang.

Können Sie ein Beispiel einer Polka-Begleitung auf der Gitarre spielen?

Beschreibung:
Der Bass wird angelegt gespielt und unmittelbar nach dem Anschlag mit der Daumenkante gedämpft. Die Nachschläge werden kurz gespielt und gleich nach dem Anschlag mit den Fingern gedämpft, die zuvor angeschlagen haben.

Sie greifen den G-Dur-Akkord in der Barrégriffweise. Gibt es für Sie bestimmte Grifftypen, die Sie bei der Begleitung bevorzugen?

Ja! Zum Beispiel gerade in G-Dur. Die übliche Griffweise mit Leersaiten finde ich sowohl im klanglichen, durch die Verdoppelung des Grundtones und dadurch fehlende Quintton, als auch aus grifftechnischen Gründen nachteilig.
Beim D7-Akkord bevorzuge ich, wie auch Tobi Reiser, Martin Schwab und der Begleiter der Rupertiwinkler, die Griffweise mit den Fingern 1, 2 und 4.

Spielt man in den Be-Tonarten, nehme ich den vom B7 (H7)-Grifftyp abgeleiteten verschiebbaren Akkord und kann so beispielsweise in As-Dur in der IV Lage begleiten.

Eine weitere Möglichkeit ist, wie ich es früher gespielt habe, den vom C7-Grifftyp abgeleiteten Akkord zu verwenden. Der Nachteil ist, dass dieser dumpfer, beziehungsweise tiefer klingt.

Ein guter Begleiter, der mit Begleitungen in den Lagen umzugehen weiß, ist Rudi Rehle von der Kreuther Stubenmusi.

Verwenden Sie den Kapodaster beim Begleiten?

Ja, wenn ich die Harmonika mit der Gitarre begleite und ich möchte eine mühelose und schöne Begleitung spielen, so ist der Kapodaster schon sehr nützlich. Spielt man dauernd mit einer Harmonika mit der Stimmung Be-Es-As, so gibt es auch die Möglichkeit, die Gitarre um einen halben Ton höher zu stimmen.

» … eine mühelose und schöne Begleitung spielen, so ist der Kapodaster schon sehr nützlich. «

Uschi Mader: Es ist trotzdem wichtig in den verschiedenen Tonarten begleiten zu können. Gesangsgruppen singen häufig in der für die Gitarre unbequemen Tonarten wie, Fis-Dur oder As-Dur. Für ein Lied, oder um schnell mal eine Tonart auszuprobieren verwende ich natürlich keinen Kapodaster. Beim Begleiten einer »Tanzlmusi« ist es aber schon vorteilhaft den Kapo zu verwenden, auch um tiefe Bässe spielen zu können.

Die Begleitung sollte nicht in den hohen Lagen gespielt werden, weil sie sonst zu sehr in den Tonbereich der Melodie hineinspielt.
Grundsätzlich begleiten wir Gesangsgruppen im Duo. Ich spiele dann die Akkorde und Melodien und Uschi kann die Bässe dazuspielen. Otto Delago, ein Freund aus Südtirol, hat sich zu einem beachtenswerten Begleiter entwickelt. Er spielt allein und verwendet den Kapodaster so, dass er immer die Grundbässe spielen kann.

Uschi Mader: Das Wesentliche ist ja: die Begleitung, beziehungsweise die Musik soll schön klingen. Ob ich technische schwierige Barréakkorde oder ein Kapodaster verwende ist egal.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Verwenden vom Kapodaster bei den Gitarrespielern verpönt ist, und sie sich lieber mit Akkorden in den Lagen abmühen, als bequem mit dem Kapodaster zu spielen.

Bei alten Gitarrespielern haben wir erlebt, dass sie bei Solostücken die Basssaiten umstimmen. So konnten die Bässe mit den Leersaiten gespielt werden. Also wurde beispielsweise die A-Saite nach c (kleines c) und die E-Saite nach G umgestimmt. Dies wird meiner Ansicht nach heute zu wenig gemacht.

Können Sie ein Beispiel einer Walzer-Begleitung spielen?

Beschreibung:
Der Bass wird angelegt gespielt und zusammen mit dem 1. Nachschlag, der kurz gespielt wird, gedämpft (abgestoppt). Der 2. Nachschlag wird lang gespielt und genau wenn der Bass erneut angeschlagen wird gedämpft.

Es gibt auch die Meinung, dass der 2. Nachschlag auch kurz gespielt werden soll. Was halten Sie davon?

Bei der Polka hört man auch, dass die Bässe lang klingen. Für mich »swingt« es dann zu sehr und ich finde es für unsere Musik nicht typisch.
Zur Zeit kann man beobachten, dass es viele begabte junge Leute gibt, die von anderen Instrumenten kommen und diese auch gut spielen können. Auf der Gitarre spielen sie dann unbeschwert drauflos. Fehlentwicklungen, die sie irgendwo gehört haben, empfinden sie als richtig, führen dies fort und geben es auch so weiter. Weil mir diese Entwicklung so nicht gefällt, möchte ich auf solche Fehlentwicklungen hinweisen.
Ein anderer Punkt sind die Bassgänge. Der Bass sollte eine logische Melodie sein und nicht zu sehr durch chromatische Verbindungen beeinträchtigt werden.

» Der Bass sollte eine logische Melodie sein und nicht zu sehr durch chromatische Verbindungen beeinträchtigt werden. «

Uschi Mader: An einem Volksmusikkurs hatten wir die Melodie vom Siebenschritt (Volkstanzmelodie) gelehrt. Nachdem wir das Stück so oft gespielt hatten spielten wir es zur Erheiterung mal in Moll. Ein Jahr später spielte ein Schüler ganz selbstverständlich den Siebenschritt in Moll. Darauf angesprochen meinte er: Ja, er hätte eine Aufnahme vom letzten Jahr und da hätten wir die Melodie auch so gespielt. So wurde uns bewusst, wie schnell man als Referent oder Lehrer und somit Vorbild, missverstanden werden kann.

Hatten Sie eigentlich Probleme als Frau bei den Musikanten akzeptiert zu werden?

Uschi Mader: Am Anfang hatte ich das Gefühl, als wäre ich »geächtet» worden. Als ich einmal mit der Harmonika spielte stand eine Gesangsgruppe auf und meinte: »Um Gotteswillen, die Frauen mit ihrer Emanzipation, jetzt spielen sie auch noch solche Instrumente!« Für mich war es schlimm, wie die Männer mich diese Geringschätzung haben spüren lassen. Erst als ich besser war wie der, oder der…, wurde ich akzeptiert.

» Am Anfang hatte ich das Gefühl, als wäre ich »geächtet» worden. «

Wie spielen Sie eine Begleitung zu einer Melodie, die Sie nicht kennen?

Begleitete ich eine Melodie, die ich zum ersten mal höre, so bin ich ständig »auf dem Sprung« und sehr behutsam. Manchmal ist es sogar möglich, zweideutig zu spielen. Beispielsweise wenn ein Bass verwendet wird, der sowohl zur 1., als auch zur 5. Stufe gehört.

Uschi Mader: Begleite ich zum erstenmal eine Melodie, so versuche ich mich an einfache Grundschemata zu halten und so zu spielen, dass ich die Melodie nicht zu sehr beeinträchtige durch Bassgänge oder zu lautes Spiel. Ich schaue den Spieler auch an und versuche durch seine Schulter- oder Kopfbewegungen den Fluss der Melodie abzulesen.

Fühlen Sie sich als Repräsentant einer musikalischen Region?

Für die Gitarre gibt es keinen allumfassenden, oberbayerischen Stil. Es gibt das Oberland, d. h. die Gegend um Bad Tölz, Miesbach und Tegernsee, wo eine etwas »geradere« Spielweise vorherrscht, vielleicht nicht so rasant. Ich würde sie als die Nachfolge von Kiem Pauli bezeichnen.
Dann gibt es den »Reiser-Stil«. Dies ist mehr ein auf die Person Tobi Reiser bezogener Stil und klingt nicht typisch oberbayerisch.
Wir spielen auch gerne Stücke vom Klaus Karl und die hören sich natürlich auch anders an.
Auf dem Akkordeon vertrete ich am ehesten den oberbayerischen Stil, weil ich sehr stark durch meine Heimat und die Spielweise von Winkler Sepp beeinflusst bin.
Wir können nicht sagen, eine typische Musik unserer Heimat zu spielen. Die Einflüsse aus Tirol, dem Inntal, Salzburg und dem Oberland sind ungefähr gleichermaßen stark da.
Die Meinungen über Volksmusik gehen sehr stark auseinander. Der eine versteht alles darunter, was das Volk tut, dann müsste man wieder definieren: Was ist das Volk? Der andere geht dahin, zu sagen: Das ist eine Musikrichtung mit ganz bestimmten Vorstellungen, die dann doch relativ eingeengt sind. Wir verstehen uns eher zu dieser Richtung gehörend.

Interview: René Senn
Das Gespräch wurde am 17.10.1992 in Töging aufgenommen.
(Archiv: R. Senn) (Fotos: R. Senn)

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Januar 2018

Gitarrenbegleitungen in B‑, Es‑, As‑Dur…

» Die Gitarre als transponierendes Instrument «

Wenn Harmonikas oder Blasinstrumente in ihren bevorzugten Be-Tonarten spielen wird das Begleiten mit der Gitarre zu einer Herausforderung. Für die Gitarre ist es grundsätzlich einfacher in den Kreuz-Tonarten zu begleiten. In den Be-Tonarten, Akkorde, Wechselbässe und Bassläufe in gewohnter Manier zu Spielen erfordert entsprechende Gitarrentechniken in den Lagen.

Um in den einfachen und gewohnten Tonarten bleiben zu können wird der Kapodaster, auch Capo genannt, verwendet. Die Gitarre wird somit zum transponierenden Instrument.

» Nicht lange rum studieren, einfach ausprobieren! «

▼ Theorie · Praxis

Quintenzirkel

Der Quintenzirkel (im Uhrzeigersinn) zeigt den theoretischen Zusammenhang sämtlicher Tonarten. Die Ausgangstonart ist C-Dur, im Quintenzirkel oben. Die zwölf unterschiedlichen Tonarten überschneiden sich bei Fis- und Ges-Dur, im Quintenzirkel unten. Beziehungsweise wird Fis enharmonisch gleich Ges genannt, die Tonarten sind praktisch identisch. In Klammern ist die Tonbezeichnung in der englischen Schreibweise.

Mit den Grundakkorden ohne Capo, so wie ich sie auch in meinem Lehrbuch »Gitarrenbegleitung 1« verwende, können die Tonarten im roten Segment gespielt werden. Mit denselben Grundakkorden und Capo im 1. Bund aufgesetzt, können die Tonarten im grünen Segment und mit Capo im 3. Bund im blauen Segment gespielt werden.

Die Gitarre als transponierendes Instrument

Zuerst gilt es festzustellen, dass transponierende Musikinstrumente nicht in der notierten Tonhöhe klingen. Zwischen Notation und Klang ist ein Unterschied.

Die Gitarre wird zum transponierenden Instrument wenn ein Capo verwendet wird. Beispiel: Der Capo ist im 1. Bund aufgesetzt und der E-Akkord wird gespielt, also klingt der F-Akkord.

Die folgende Tabelle zeigt die Tonarten in der Übersicht. In rot die Tonarten ohne Capo, bezieungsweise gespielte Tonarten. Mit Capo im 1. Bund wird die klingende Tonarten in grün, und mit Capo im 3. Bund die klingende Tonart in blau angezeigt

(ohne Capo)
gespielt
Capo 1. Bund
klingend
Capo 3. Bund
klingend
F-Dur: Ges-Dur As-Dur
C-Dur: Des-Dur Es-Dur
G-Dur: As-Dur B-Dur
D-Dur: Es-Dur F-Dur
A-Dur: B-Dur C-Dur
E-Dur: F-Dur G-Dur

Capo I · Praktische Beispiele

Tonartenübersicht mit Capo im 1. Bund
Mit dem Capo im 1. Bund klingen alle Grundakkorde 1 Halbton höher. Kurzschreibweise für Capo im 1. Bund: Capo I (römische Ziffer)

Die folgende Tabelle zeigt die Tonarten mit zwei Harmonien, beziehungsweise zwei Akkorden: T=Tonika und D=Dominante. Natürlich können auch die Subdominante (4. Stufe) oder auch Mollharmonien usw. miteinbezogen werden.

Gitarre mit Capo
Capo I
gespielt: T – D
Musikinstrument
 
klingend: T – D
E-Dur: E – B7 (H7) F-Dur: F – C7
A-Dur: A – E7 B-Dur: Bb – F7
D-Dur: D – A7 Es-Dur: Eb – Bb7
G-Dur: G – D7 As-Dur: Ab – Eb7
C-Dur: C – G7 Des-Dur: Db – Ab7
F-Dur: F – C7 Ges-Dur: Gb – Db7

Beachte: Nach der Tonartangabe in deutsch, stehen die Akkorde in der englischen Standardschreibweise!
(Bb englisch = B deutsch)

 

Klarinette in B

Grundsätzlich müssen Gitarrenspieler(-innen) nur wissen in welcher Tonart sie begleiten sollen. Dies kann einfacher und manchmal auch schneller durch praktisches Ausprobieren erreicht werden, als durch grundlegendes, theoretisches Verständnis.
Theorie: Die »Klarinette in B« ist ein transponierendes Instrument. Das heißt: Spielt die »Klarinette in B« beispielsweise die Note C, so klingt der Ton B. Der Ton B klingt ein Ganzton oder eine Sekund (Intervall) tiefer als notiert. Dies hat uns Gitarrenspieler(-innen) nur zu interessieren wenn sich der Klarinettist(-in) selbst nicht auskennt. (Kommt vor!)

Beispiel: Bei traditionellen, 3-teiligen Stücken in B-Dur, steht der 1. Teil in B-Dur, der 2. Teil in F-Dur und der 3. Teil in Es-Dur. Die Gitarre mit Capo im 1. Bund begleitet dann das Stück in A-Dur. Der 1. Teil in A-Dur mit den Akkorden A und E7 (Tonika - Dominante), der 2. Teil in E-Dur mit den Akkorden E und B7 (H7), und der 3. Teil in D-Dur mit den Akkorden D und A7.

3-teiliges Stück in B-Dur
Musikstück
in B-Dur
Musikinstrument
klingend
Gitarre mit Capo
gespielt · Capo I
1.Teil B-Dur: Bb – F7 A-Dur: A – E7
2.Teil F-Dur: F – C7 E-Dur: E – B7 (H7)
3.Teil Es-Dur: Eb – Bb7 D-Dur: D – A7

Siehe auch: Capo III

 

Steirische Harmonika: B‑Es‑As‑Des

In der 4-reihigen Stimmung B‑Es‑As‑Des ist die 3-reihige B‑Es‑As enthalten. Diese werden vorwiegend in Verbindung mit Blasinstrumenten (Klarinette, Trompete) verwendet.

3-teiliges Stück in Es-Dur
Musikstück
in Es-Dur
Musikinstrument
klingend
Gitarre mit Capo
gespielt · Capo I
1.Teil Es-Dur: Eb – Bb7 D-Dur: D – A7
2.Teil B-Dur: Bb – F7 A-Dur: A – E7
3.Teil As-Dur: Ab – Eb7 G-Dur: G – D7

Siehe auch: Capo III

3-teiliges Stück in As-Dur
Musikstück
in As-Dur
Musikinstrument
klingend
Gitarre mit Capo
gespielt · Capo I
1.Teil As-Dur: Ab – Eb7 G-Dur: G – D7
2.Teil Es-Dur: Eb – Bb7 A-Dur: D – A7
3.Teil Des-Dur: Db – Ab7 D-Dur: C – G7

Wolfgang Neumüller

»Wenn ich die Harmonika mit der Gitarre begleite und ich möchte eine mühelose und schöne Begleitung spielen, so ist der Kapodaster schon sehr nützlich. Spielt man dauernd mit einer Harmonika mit der Stimmung B-Es-As, so gibt es auch die Möglichkeit, die Gitarre um einen halben Ton höher zu stimmen.«

Martin Schwab

Martin Schwab (1926-2012) mit den »Schönauer Musikanten« und der »Gerstreit-Musi« verwendete an Stelle des Capos im 1. Bund eine zweite Gitarre, die er 1 Halbton höher gestimmt hatte.
Stimmung: F – B - es - as - c1 - f1
 


Capo III · Praktische Beispiele

Tonartenübersicht mit Capo im 3. Bund
Mit dem Capo im 3. Bund klingen alle Grundakkorde 3 Halbtöne höher.

Die folgende Tabelle zeigt die Tonarten mit zwei Harmonien, beziehungsweise zwei Akkorden: T=Tonika und D=Dominante. Natürlich können auch die Subdominante (4. Stufe) oder auch Mollharmonien usw. miteinbezogen werden.

Gitarre mit Capo
Capo III
gespielt: T – D
Musikinstrument
 
klingend: T – D
E-Dur: E – B7 (H7) G-Dur: G – D7
A-Dur: A – E7 C-Dur: C – G7
D-Dur: D – A7 F-Dur: F – C7
G-Dur: G – D7 B-Dur: Bb – F7
C-Dur: C – G7 Es-Dur: Eb – Bb7
F-Dur: F – C7 As-Dur: Ab – Eb7

Beachte: Nach der Tonartangabe in deutsch, stehen die Akkorde in der englischen Standardschreibweise!
(B englisch = H deutsch)
(Bb englisch = B deutsch)

 

Steirische Harmonika: G‑C‑F‑B

Die 4-reihigen Stimmung G‑C‑F‑B wird vorwiegend in Verbindung mit Saiteninstrumenten (Geige, Harfe, Hackbrett) verwendet.

3-teiliges Stück in C-Dur
Musikstück
in C-Dur
Musikinstrument
klingend
Gitarre mit Capo
gespielt · Capo III
1.Teil C-Dur: C – G7 A-Dur: A – E7
2.Teil G-Dur: G – D7 E-Dur: E – B7 (H7)
3.Teil F-Dur: F – C7 D-Dur: D – A7

Beachte: Spielt ein Instrument Stücke in C-Dur kann dies auch ohne Capo begleitet werden. Mit dem Capo im 3. Bund kann dem möglichen Bb-Barréakkord der Subdominante ausgewichen werden.

3-teiliges Stück in F-Dur
Musikstück
in F-Dur
Musikinstrument
klingend
Gitarre mit Capo
gespielt · Capo III
1.Teil F-Dur: F – C7 D-Dur: D – A7
2.Teil C-Dur: C – G7 A-Dur: A – E7
3.Teil B-Dur: Bb – F7 G-Dur: G – D7

 

Klarinette in B

Klarinette in B ist ein transponierendes Instrument:
Musikstück: notiert in C-Dur = klingend in B-Dur

3-teiliges Stück in B-Dur
Musikstück
in B-Dur
Musikinstrument
klingend
Gitarre mit Capo
gespielt · Capo III
1.Teil B-Dur: Bb – F7 G-Dur: G – D7
2.Teil F-Dur: F – C7 D-Dur: D – A7
3.Teil Es-Dur: Eb – Bb7 C-Dur: C – G7

Siehe auch: Capo I

 

Steirische Harmonika: B‑Es‑As (‑Des)

3-teiliges Stück in Es-Dur
Musikstück
in Es-Dur
Musikinstrument
klingend
Gitarre mit Capo
gespielt · Capo III
1.Teil Es-Dur: Eb – Bb7 C-Dur: C – G7
2.Teil B-Dur: Bb – F7 G-Dur: G – D7
3.Teil As-Dur: Ab – Eb7 F-Dur: F – C7

Siehe auch: Capo I

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Dezember 2017

»Ich versuche natürlich, ökonomisch zu spielen«

Klaus Karl im Interview (1992) über Begleitgitarre, Melodiegitarre und mehr…

▼ Interview mit Klaus Karl

Können Sie etwas über Ihre Person sagen und wie sie zum Gitarrenspielen gekommen sind?

Ich bin geboren in Salzburg und aufgewachsen in Völklabruck. Mein Vater war Volksschullehrer und Gitarrist. Die Grundlagen des Gitarrenspiels zeigte ihm ein gewisser Professor Tremmel aus Linz, ansonsten hat er sich die Techniken selbst angeeignet. Mein Vater spielte Klassikgitarre mit dem Kuppenanschlag, weil er nicht wusste, dass man mit Nägel anschlagen konnte. Das habe ich später in Wien, bei Segovia und anderen gesehen.
Ich wollte zunächst einfach das Begleiten, sozusagen für den Hausgebrauch lernen. An einem Volkshochschulkurs von meinem Vater (Sepp Karl), lernte ich dann die Grundlagen der klassischen Gitarrentechnik. Als Student in Wien, ich studierte Welthandel (Sozialökonomie), war ich bei verschiedenen Gitarristen zum „Schnüffeln“, so zum Beispiel auch bei Luise Walker.
Von meiner Interessenslage kam ich dann mehr zur Volksmusik. Mir gefiel die Musik von Tobi Reiser. In den ersten Versuchen zu Musizieren fand ich zu dem Spiel von meinem Vater Melodien dazu. Man nennt das bei uns: „Einifabeln“. Das war sozusagen der Anfang.
In dieser Phase merkte ich, dass es wenige Gruppen gibt, die einen gute Rhythmus haben, und viele die keinen haben. Die Ursache dafür interessierte mich. Es gab zwei Gruppen, die diesen guten Rhythmus hatten, das war auf der Seite der Volksmusik: Tobi Reiser, und auf der volkstümlichen Seite: die Oberkrainer. Aber warum? In beiden Fällen ziehen die Melodieinstrumente ein bisschen, die Begleiter bremsen minimal. Diese Spannung ergibt dann auch diesen speziell guten Rhythmus.

» … ziehen die Melodieinstrumente ein bisschen, die Begleiter bremsen minimal. Diese Spannung ergibt dann auch diesen speziell guten Rhythmus. «

In welcher Besetzung musizieren Sie?

Mit meinem Vater spielte ich Gitarrenduo, eigentlich sehr lange und gerne. Es waren meistens Stücke von ihm und ich improvisierte dazu.
Beeinflusst durch Tobi Reiser kam dann das Bedürfnis, mit einer etwas größeren Besetzung zu musizieren. Es entstand die Ottensheimer Saitenmusi mit Hackbrett, Melodiegitarre die ich spielte, Begleitgitarre und Bassgeige. Diese Formation eröffnete für mich neue Aspekte und brachte mir viele Ideen und Einfälle für neue eigene Melodien.
Eine für mich hochstehende Kombination ist ein Trio das immer noch existiert: das Bloachbach-Trio mit Schwab Franzi an der Zither, Hannes Hillbrand an der Begleitgitarre und ich an der Melodiegitarre.
Eine meiner Wunschvorstellungen war, eine Klarinettenmusik mit drei Klarinetten. Obwohl es dies noch nicht gab, hatte ich die Vorstellung von drei Klarinetten im Ohr. Es entstand die Gress’n-Musi: einerseits die Klarinetten-Musi mit drei Klarinetten, Harfe, Tuba und Steirische Harmonika, andrerseits später die Soat’n-Musi mit Melodie- und Begleitgitarre, Zither, Harfe und Bassgeige.

Wie ist das Duoheft: „Alpenländische Weisen“ (Heft 6), das Sie mit Ihrem Vater zusammen publizierten, entstanden?

Ich spielte die zweite Gitarrenstimme, eine Füllstimme, dazu und zwang mich mehr oder weniger dies zu Papier zu bringen. Ich wollte mir eigentlich die Freiheit bewahren, bei jedem mal Spielen, was anderes zu spielen.

» Ich wollte mir eigentlich die Freiheit bewahren, bei jedem mal Spielen, was anderes zu spielen. «

Gibt es für Sie Kriterien, wonach der Bau oder die Form einer Gitarre, für die Verwendung in der Volksmusik berücksichtigt werden sollte?

Meine erste Gitarre bekam ich von meinem Vater, sie stammt von einem Lambacher Gitarrenbauer. Sie ist holzwild verzogen, lässt sich aber trotzdem gut spielen. Die zweite Gitarre habe ich von einem Mathematikprofessor, der sich mit dem Gitarrenbau befasst hat, extra bauen lassen. Diese Gitarre ist um zwei Bünde erweitert, so dass ich nach meinem „System“ Bb- und C-Dur in den hohen Lagen spielen kann. Der Klang dieser Gitarre war am Anfang nicht so gut, hat sich aber mit der Zeit ganz gut entwickelt. Für unsere Art von Volksmusik, ist mir die Verwendung einer normalen Gitarre lieber, oder normale Gitarre und Kontrabass, als eine Kontragitarre. Die Kontragitarre drückt für mich wienerische oder münchnerische, also städtische Volksmusik aus. Für solche Melodien, die meist etwas komplizierter sind, ist die Kontragitarre geeigneter.

Könnten Sie über allgemeine Richtlinien beim Begleiten etwas sagen?

Das Begleiten auf einer Konzertgitarre ist schon vorweg problematisch, weil sie von der Dynamik des Klanges schwierig zu bändigen ist. Eine etwas flachere, und kürzer klingende Gitarre ist zum Begleiten besser, weil der Zweck des Begleitens ist den Rhythmus hervorzubringen und nicht die Melodie. Es ist klar, dass Akkorde und Bassgänge klingen sollen, aber die Begleitgitarre soll die Melodie nicht stören sondern unterstützen.
Als Melodiespieler schlage ich mit den Nägeln an. Wenn ich Begleitung spiele, so bereitet mir das Abstoppen mit dem Daumen Schwierigkeiten, weil der Daumennagel stört und es zum Abstoppen eine extra Bewegung braucht.
Als Begleiter würde ich die Saitenhöhe beim Steg so einstellen, dass die Saiten flacher auf dem Griffbrett aufliegen und beim Anschlagen auf dem Griffbrett aufschlagen und so ein bisschen rasseln.

» … die Begleitgitarre soll die Melodie nicht stören sondern unterstützen. «

Welche Gitarrentechniken verwenden Sie in Ihrem Spiel?

Obwohl in den Ausschreibungen unserer Seminare, Teilnehmer für Melodiegitarre gesucht werden, wollen viele der Teilnehmer nur begleiten lernen. Ich versuche den Leuten dann zu erklären, dass sie die Grundlagen des Melodiespiels lernen sollen, weil das Gitarrenspiel nur mit der richtigen Haltung und Technik entwicklungsfähig ist. Das mühsame Umlernen bleibt ihnen dann erspart. Das Begleiten mit der gleichen Haltung lernt man nebenbei.
Ich hab mir angewöhnt so zu spielen, wie es mir gerade einfällt. Mein Vater ist der Analytiker, der dem nachgeht. Er schaut mir beim Spielen zu und fragt: Warum machst du es so, und warum machst du es so? Ich will es nicht wissen, weil ich sonst beim Spielen gehemmt wäre. Ich versuche natürlich, ökonomisch zu spielen. Genauso beim Begleiten, zum Beispiel in Es-dur bei einer schwierigen Griffweise hebe ich die Finger nach dem Anschlag ab, damit ich nicht verkrampfe.

» … weil das Gitarrenspiel nur mit der richtigen Haltung und Technik entwicklungsfähig ist. «

Könnten Sie auf der Gitarre ein Beispiel einer Polka- und Walzer-Begleitung spielen?

Grundsätzlich ist die Art der Begleitung abhängig von der Melodie oder dem Musikstück als Ganzes. Beim Begleiten tendiere ich zum Abstoppen, sowohl der Bässe, als auch der Akkorde. Ich warne aber davor, dies zu verallgemeinern. Damit der Rhythmus einen sogenannten „Zwick“ hat, bringt das Abstoppen sehr viel.
Den sogenannten „Geschlapften Anschlag“, habe ich Tobi Reiser abgeschaut, beziehungsweise abgehört. Diese Anschlagsart imitiert meines Erachtens den Trommelschlag, wie so vieles in der Volksmusik imitiert wird, wie zum Beispiel das Echo.

Beschreibung:
Polka-Begleitung (2/4 Takt):
Die Bässe auf den Grundschlägen werden kurz gespielt. Der Daumen legt an der nächsten Saite an und dämpft die angeschlagene Saite mit der Daumenkante, unmittelbar nach dem Anschlag. Die Akkorde auf den Nachschlägen werden auch kurz gespielt. Die Finger dämpfen unmittelbar nach dem Anschlag, indem sie auf die angeschlagenen Saiten aufsetzen.

» Damit der Rhythmus einen sogenannten „Zwick“ hat, bringt das Abstoppen sehr viel. «

Walzer-Begleitung (3/4 Takt):
Die Bässe auf dem Grundschlag werden grundsätzlich lang gespielt. Der Daumen legt nicht an. Daumen und Finger dämpfen gleichzeitig nach dem ersten Nachschlag. Die Akkorde auf den Nachschlägen werden beide kurz gespielt, wie bei der Polka- Begleitung. Die Finger dämpfen unmittelbar nach dem Anschlag, indem sie auf die angeschlagenen Saiten aufsetzen.

Welche Techniken verwenden Sie im Melodiespiel?

Bevor ich für das Melodiespiel ein „System“ gefunden hatte war das Hauptproblem für mich, auf dem Griffbrett irgendwo herumzusuchen und keine Sicherheit zu haben. Ich hörte wie der Ton klingen sollte, fand ihn aber nicht schnell genug. Nach diesem „System“ bleibe ich in einer Lage, sollte es darüber hinaus gehen, kann ich nach unten oktavieren oder in das nächste „System“ übergehen. Die Dreiklänge liegen auch günstig, so dass sämtliche Elemente unserer Volksmusik enthalten sind.
Bei den Seminaren unterrichte ich mit diesem „System“ und erkläre den Leuten vereinfacht mit dem Griffbild die Tonleiter, die sie dann auf und ab spielen sollen.

Auf dieser Tonleiter werden dann Melodien „auswendig“ (nach Gehör) gespielt.
„Auswendig“ spielen kann man nur das, was man kennt, beispielsweise ein Lied oder ein Volkstanz.

Transponiere dann die Melodien, beispielsweise in die IX Lage nach A-dur. Innerhalb der kürzesten Zeit können dann die Leute, mit diesen einfachen Mitteln, einstimmige Melodien spielen. Weiter geht es, indem die „Zweite Stimme“ und die „Dritte Stimme“ dazugespielt werden. Wenn ich den Teilnehmer von Seminaren die Technik auf Grund meiner Stücke vermittle, sollen sie die Technik lernen aber zu Hause selber nach alten, traditionellen Stücken suchen. Ich bin dagegen, dass alle die gleichen Stücke spielen.
Meine Kollegen machen genau das gleiche auf der Harfe, Steirischen Harmonika, Zither und Hackbrett.

Ist der Fingersatz wichtig für das Melodiespiel?

Ja, der Fingersatz ist sehr wichtig. Mein Ziel war ja, zu einer Melodie die ich noch nie gehört habe, sofort dazuspielen zu können, egal ob in Es- oder As-dur musiziert wird. Durch das Verschieben von diesem Fingersatz ist es mir gelungen, dieses Ziel zu erreichen.

» Ja, der Fingersatz ist sehr wichtig. «

Kann man Volksmusik auf der Gitarre solo spielen?

Ja natürlich! Im Wechsel zu mehreren Instrumenten finde ich es interessant, sogar einstimmige Melodien zu spielen.
Am Anfang einer Entwicklung eines Musikanten ist, dass er immer alles spielen will, was er spielen kann (3- bis 4-stimmig). Dies ist fürchterlich für den Zuhörer, aber wichtig für den Musikanten. Jeder durchläuft eine solche Phase der Entwicklung. Es muss dann eine Reduzierung kommen: was ist zuviel, was klingt schöner usw.
Wir hatten bei unserer Saitenmusik-Besetzung schon immer das Problem, dass jeder, an der Harfe, an der Melodiegitarre und an der Zither, „ad hoc“ die Melodie ein-, zwei- oder sogar dreistimmig spielen kann. Aus dieser Situation heraus kam die Erkenntnis: es muss arrangiert werden.
In einem Trio ist es einfach, der Erste „spielt an“, der Zweite „dazu“ und Dritte spielt die Begleitung. Bei drei Melodieinstrumenten muss arrangiert werden. Auch hier kam dann die Erkenntnis: dass, wenn ununterbrochen dreistimmig gespielt wird, es langweilig ist, also wird reduziert und nochmals reduziert.

» In einem Trio ist es einfach, der Erste „spielt an“, der Zweite „dazu“ und Dritte spielt die Begleitung. «

Eigentlich wollte ich mit der vorhergehenden Frage die Stücke Ihres Vaters ansprechen: „Alpenländische Weisen“ von Sepp Karl (Heft 1 bis 5). Diese Stücke sind für Gitarre Solo geschrieben, was für die Volksmusik eher atypisch ist.

Das ist richtig. Mein Vater ist ein reiner Solist. Er hat vorwiegend alleine gespielt, mein Dazuspielen war zusätzlich. In seinen Stücken hat er Bassdurchgänge gesucht, damit die Melodie sozusagen nicht in der Luft hängt.
Für mich war das Solospiel nicht so wesentlich. Wenn ich einen Begleiter brauchte, so habe ich immer einen gefunden.

Spielen Sie Musikstücke aus dem traditionellen Bereich der Volksmusik oder spielen Sie eigene Stücke?

Zu etwa 90 Prozent sind es „selbstgestrickte“ Stücke, wobei ich mir sehr strenge Regeln auferlege, was den Stil anbelangt.
Ich spiele vorwiegend vier Gattungen: Polka, Walzer, Boarischer und Weis.

Ihr Vater verwendet bei seinen Stücken öfters die Subdominante (IV Stufe), was in der traditionellen Volksmusik eher eine Ausnahme ist.

Das ist ein alter Streit unter den Gelehrten. Bei einer Zusammenstellung aller Volkstänze als Beispiel, wird man feststellen, dass die meisten Melodien die Subdominante enthalten. Ich meine, dass man bei vielen Stücken künstlich eine Subdominante einbringen kann. Das ist nicht falsch. Man sollte aber vorsichtig und zurückhaltend sein und es nicht ausschließen.
Ich halte es mit Tobi Reiser der sagte: „Wenn wir nicht so oder so gespielt hätten, dann hätten die nichts zum Einteilen.“

» Wenn wir nicht so oder so gespielt hätten, dann hätten die nichts zum Einteilen. «

Welche musikalische Form haben Ihre Stücke?

Über die Form meiner Stücke habe ich mir eigentlich noch keine Gedanken gemacht, dies habe ich im Gefühl.
Eine Eigenart der Salzburger ist es, dass sie den zweiten Teil oft nur einmal spielen.

Wie spielen Sie beim Begleiten die Wechselbässe?

Beim Begleiten gibt es bei der Frage der Wechselbässe von Gegend zu Gegend sehr unterschiedliche Meinungen. Bei uns spielen die jungen Musikanten in der Dominante (V Stufe) zuerst den Wechselbass (Quintton), während im Salzkammergut immer zuerst der Grundbass (Grundton) kommt. Aus meiner Sicht kann das jeder so handhaben wie er will, begleiten aber zwei Instrumente wie Bassgeige und Gitarre, so müssen sie die gleichen Bässe spielen. Wenn ich jetzt zum Beispiel mit meiner Tuba ins Salzkammergut fahre, so stelle ich mich um, weil ich das Spiel der Wechselbässe anderes gewohnt bin.

Wie bezeichnen Sie die verschiedenen Melodiestimmen im Zusammenspiel und wie spielt man eine „Dritte Stimme“ dazu?

Die Melodiestimme bezeichne ich als „Hauptstimme“. Sie hört meist mit dem Grundton auf. Bei vielen Landlern kann es sein, dass die Schlusswendung nicht auf dem Grundton, sondern auf der Terz endet. Die sogenannte „Zweite Stimme“ ist dann eine Terz darüber, beziehungsweise oktaviert eine Sexte darunter.
Die „Dritte Stimme“ ist eine Füllstimme, die für sich alleine gehört, keine Melodie ist, da sie „komisch“ klingt.
Auf die Frage, wie lerne ich eine „Dritte Stimme“, gibt es zwei Möglichkeiten: man probiert durch dazuspielen aus oder man schreibt die Melodien auf und ergänzt jeden Zweiklang zu einem Dreiklang. Ist sie fertig aufgeschrieben, lernt man sie alleine zu spielen, um sich an sie zu gewöhnen.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel einer Tonfolge:
c1 d1 e1 : ist die „Hauptstimme“
e1 f1 g1 : ist eine Terz darüber die „Zweite Stimme“
g g c1 : ist darunter die „Dritte Stimme“

Im Grunde genommen empfindet man die höchste Stimme als Melodie, also die „Zweite Stimme“. Viele Musikanten aus Bayern und Salzburg legen grundsätzlich die „Dritte Stimme“ darüber. Dies kritisiere ich vehement. Der Zuhörer, der die Melodie nicht kennt, hat keine Chance sie kennen zu lernen, weil er die höchste, also die „Dritte Stimme“ als Melodie hört.

Kann man die Art und Weise des Musizierens in der Volksmusik lernen?

Grundsätzlich ist es möglich, alles zu lernen. Es ist nicht eine Frage des Talentes, sondern des „sich mit etwas Befassens“. Natürlich tun sich manche Leute etwas schwerer, manche etwas leichter zu lernen.
Ich selbst lerne viel dazu, wenn ich mich beim Vermitteln methodisch mit der Volksmusik auseinander setzte.

Gibt es für Sie den Unterschied zwischen „Musiker“ und „Musikant“?

Ich unterscheide eigentlich sehr streng zwischen „Musiker“ und „Musikant“. Der „Musiker“ spielt immer richtig und der „Musikant“ spielt immer besser, je besser er gelaunt ist.
Der Musikant hat natürlich auch die Tendenz zur „Blödlerei“ und wehe das wird im beschnitten, dann ist er keiner mehr. Die Gefahr ist, wenn dies andere nachspielen und als Volksmusik empfinden, und nicht als „Blödlerei“. Auch bei Tobi Reiser trifft man auf eine solche lustige und vergnügliche Art des Musizierens, zum Beispiel durch Tonart- oder Rhythmuswechsel oder auch durch den Wechsel von Dur nach Moll.
Auch wir haben bewusst auf unserer CD „Greß’n-Musi“ zwei solche „Blödlereien“ drauf.

» Der „Musiker“ spielt immer richtig und der „Musikant“ spielt immer besser, je besser er gelaunt ist. «

Fühlen Sie sich als Vertreter einer bestimmten Musiklandschaft?

Nein. Mir wurde aber schon öfters gesagt, dass ich durch meine Stücke die Zuhörer zum Attersee hingeführt hätte, oder dass in meiner Musik das Mühlviertel zu „sehen“ wäre. Wenn so etwas in meiner Musik zum Ausdruck kommt, so freue ich mich natürlich.

Interview: René Senn
Das Gespräch wurde am 12.06.1992 in Ottensheim aufgenommen.
(Archiv: R. Senn)

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