Begleitgitarre

Alpenländische Gitarrenmusik
» gradaus und verkehrt «

Als Begleitinstrument ist die Gitarre in der Alpenländischen Volksmusik weit verbreitet und hinlänglich bekannt. Die typischen Ausführungen sind erfahrungsgemäß etwas problematisch. Nur wer genau hinhört und die Technik kennt, insbesondere das »Abstoppen« der Bässe und Nachschläge, kann die traditionelle Spielweise lernen und somit auch spielen.
Grundsätzlich gibt es unterschiedliche Spielweisen und Techniken für Boarischer, Polka (Schnellpolka), Landler, Halbwalzer (Walzer) und Liedweisen.

» Die Begleitung ›aus dem Hut‹ spielen! «

Die Zielsetzung für Begleitungen ist nicht die notierte, beziehungsweise festgesetzte Begleitung nachzuspielen, sondern die Begleitung »aus dem Hut« (improvisiert) zu spielen.

Akkorde

Akkorddiagramm

Ein Akkorddiagramm ist ein Griffbild und zeigt vereinfacht das Griffbrett der Gitarre so, als würde es senkrecht an der Wand hängen.

Akkorddiagramm (Theorie)

Saiten und Bünde

Die oberste, waagrechte Linie ist etwas dicker und stellt den Sattel dar. Die darunterliegenden, dünneren Linien sind die Bünde.
Die senkrechten Linien sind die sechs Saiten: links die tiefstklingende (dickste) und ganz rechts die höchstklingende (dünnste) Saite.


Griffbild

Die schwarzen Punkte zeigen die zu greifenden Saiten in den entsprechenden Bünden an. Eine Leersaite wird mit einem Kreis über dem Sattel gekennzeichnet. Ein X über dem Sattel bedeutet dass die Saite nicht angeschlagen werden soll. Ist weder ein Kreis noch ein X vorhanden kann die Saite optional (wahlweise) angeschlagen werden. Der Fingersatz der Greifhand wird unter dem Diagramm zu den entsprechenden Saiten angegeben.

Fingersatz der Greifhand:
0 = Leersaite
1 = Zeigefinger
2 = Mittelfinger
3 = Ringfinger
4 = Kleiner Finger

Die Leersaite wird im Griffbild mit einem Kreis und in den Noten oder Tabulaturen mit der Zahl 0 angegeben.


Kleines Barré

Ein Barré ist sozusagen ein Quergriff, der vor allem mit dem Zeigefinger über mehrere oder über alle Saiten greift. Im folgenden Beispiel (F-Dur-Akkord) greift der Zeigefinger ein kleines Barré über die erste und zweite Saite. Dies ist sowohl an der Klammer über dem Sattel als auch am Fingersatz der Greifhand zu erkennen.


Barréakkorde

Barréakkorde sind verschiebbare Akkorde und können vom 1. bis zum 10. Bund verschoben werden.
Die Klammer über dem Sattel zeigt das Barré über sechs Saiten an. Die Zahl rechts oben, neben dem Griffbild gibt den obersten Bund an. Die Bundangabe entspricht der Lagenbezeichnung: 3. Bund = III Lage. (Die Lagenbezeichnung wird mit römischen Ziffern angegeben.)


Grundakkorde

Grundakkorde sind einfachen Akkorde (Griffe) in der 1. Lage mit Leersaiten. Die Griffweise der linken Hand (Finger der Greifhand) sollte genau beachtet werden.

Da in Instrumentalstücken mehrheitlich nur die I. Stufe (Tonika) und V. Stufe (Dominante) verwendet werden sind die, zu einer Tonart gehörenden zwei Akkorde, nebeneinander dargestellt.

Beachte: Die Standardschreibweise für Akkorde ist englisch. Der Tonname H (deutsch) heißt dann B (englisch). Nicht zu verwechseln mit dem deutschen B (Be), das englisch Bb (B flat) heißt.


Der F-Akkord kann auch mit dem großen Barré, über alle sechs Saiten, gegriffen werden.

Akkorde · II. und IV. Stufe

Moll-Akkorde werden in der alpenländischen Volksmusik selten verwendet. Als II. Stufe (Subdominantparallele) können sie die IV. Stufe (Subdominante) ersetzen.


Typische Akkorde der IV. Stufe mit Sexte oder als II. Stufe Moll-Akkord mit der Terz im Bass. Die grauen Punkte zeigen den Wechselbass.

Akkordfolgen

Die Akkordfolgen zeigen den harmonischen Verlauf der verschiedenen Teile eines Stückes.

I. und V. Stufe

Die I. Stufe ist ein Dur-Akkord und wird auch Tonika genannt. Die V. Stufe ist ein Dominantseptakkord (V7) und wird auch Dominante genannt.

»gradaus« wird die Akkordfolge bezeichnet wenn mit der I. Stufe (Tonika) begonnen wird.

|I|V7|V7|I|
|I|V7|V7|I|
|I|I|V7|I|
|I|I|V7|I|

»verkehrt« wird die Akkordfolge bezeichnet wenn mit der V. Stufe (Dominante) begonnen wird.

|V7|I|V7|I|
|V7|I|V7|I|
Tonart Tonika Dominante
I. Stufe V. Stufe
C-Dur C G7
G-Dur G D7
D-Dur D A7
A-Dur A E7
E-Dur E B7 (H7)
F-Dur F C7

Beispiele

8-taktige Akkordfolgen

Die 8-taktige Folge wird hauptsächlich beim Landler und beim Boarischer verwendet. Die ersten 4 Takte werden wiederholt. Also kann der Ablauf eines 8-taktigen Teils an den ersten zwei Takten eindeutig erkannt werden.

Beachte: In meinen Lehrbücher unterscheide ich zwischen gradaus 1 und gradaus 2. In der 8-taktigen Folge beginnt gradaus 1 mit einem Takt der I. Stufe und gradaus 2 mit zwei Takten der I. Sufe.

Beispiele in C-Dur:

gradaus 1
|C|G7|G7|C|
|C|G7|G7|C|
gradaus 2
|C|C|G7|C|
|C|C|G7|C|
verkehrt
|G7|C|G7|C|
|G7|C|G7|C|

16-taktige Akkordfolgen

Die 16-taktige Folge wird hauptsächlich beim Halbwalzer und bei der Polka verwendet. Die Takte der 8-taktigen Folge werden verdoppelt und die ersten 8 Takte wiederholt. Also kann der Ablauf eines 16-taktigen Teils an den ersten drei Takten eindeutig erkannt werden.

Beachte: Bei gradaus 2 wird die 8-taktige Folge nicht einfach verdoppelt!

Beispiele in C-Dur:

gradaus 1
|C|C|G7|G7|
|G7|G7|C|C|
|C|C|G7|G7|
|G7|G7|C|C|
gradaus 2
|C|C|C|G7|
|G7|G7|G7|C|
|C|C|C|G7|
|G7|G7|G7|C|
verkehrt
|G7|G7|C|C|
|G7|G7|C|C|
|G7|G7|C|C|
|G7|G7|C|C|

Ausnahmen

Natürlich gibt es Ausnahmen in denen zusätzliche Akkordwechsel, takt- oder halbtaktweise, hinzugefügt werden. Es kann auch die Subdominante oder gar Mollakkorde hinzugefügt werden.
… und wie es der Zufall will hat man gerade diese Ausnahme… und dann, schon wieder die nächste Ausnahme!

II. und IV. Stufe

IV. Stufe

Die IV. Stufe ist ein Dur-Akkord und wird auch Subdominante genannt.

Als »vollständige Kadenz» wird die Akkordverbindung I - IV - V - I bezeichnet.

|I|IV|V7|I|
|I|IV|V7|I|
Tonart Tonika Subdom. Dominante
I. Stufe IV. Stufe V. Stufe
C-Dur C F G7
G-Dur G C D7
D-Dur D G A7
A-Dur A D E7
E-Dur E A B7 (H7)
F-Dur F Bb C7
Rußbacher Tänze / A-Teil in G‑Dur
|G|C|D|G|
|G|C|D|G|
Finnischer Walzer / A-Teil in G‑Dur
|G|G|C|C|
|D|D|G|G|
|G|G|C|C|
|D|D|G|G|
Über d'Alma (Liedweise) in A‑Dur
|A|E7|E7|A|
|A|D|E7|A|

II. Stufe

Die II. Stufe ist ein Moll-Akkord und wird auch Subdominantparallele genannt. Die IV. Stufe kann durch die II. Stufe ersetzt werden. In dieser Konstellation wird die Terz (Moll-Terz) im Bass gespielt. Als Wechselbass wird der Quinton verwendet.

Aus der Akkordtheorie für Gitarre könnte der Akkord auch als Dur-Akkord mit Sexte gedeudet werden.

Beispiel in der C-Dur-Tonart:
Dm/F (D-Moll mit F im Bass) = F6 (F-Dur mit Sexte)

Für die Griffweise auf der Gitarre spricht der F6-Akkord, der genaugenommen dann ohne Quinte gespielt wird. Vom F6-Akkord ist der Grundton im Bass und die Terz der Wechselbass.

|I|IV6 (II)|V7|I|
|I|IV6 (II)|V7|I|
Tonart Tonika Suddominante Dominante
I. Stufe II. Stufe IV. Stufe V. Stufe
C-Dur C Dm/F F6 G7
G-Dur G Am/C C6 D7
D-Dur D Em/G G6 A7
A-Dur A Bm/D D6 E7
E-Dur E F#m/A A6 B7 (H7)
F-Dur F Gm/Bb Bb6 C7
Alte Landler / A-Teil in D‑Dur
|D|G6|A7|D|
|D|G6|A7|D|
Deutscher Tanz / C-Teil in G‑Dur
|G|D7|D7|G|
|G|C6|D7|G|

Siehe auch A-, B- und D-Teil.
Deutscher Tanz   ☞

Traditionelle Formen

Die Form eines Stückes befasst sich mit der Bezeichnung der Teile und dessen Tonarten, Abfolge und Wiederholungen.

3-teilige Form

Die Teile werden mit Großbuchstaben (A, B, C) gekennzeichnet. Der typische dritte Teil (C-Teil) wird gegebenenfalls auch »Trio« genannt.
Die traditionelle Form eines Sückes hat drei Teile. Der erste Teil ist der Hauptteil, wonach die Tonart des Stückes benannt wird. Die Tonart des zweiten Teils steht in der Regel in der Quintverwadtschaft und die des dritten Teils in der Quartverwandtschaft. Am Quitenzirkel kann man gut erkennen wie die Tonarten nebeneinander liegen.
Grundsätzlich werden die Teile nacheinander gespielt und jeweils wiederholt. Zwischen dem B- und C-Teil wird der A-Teil noch einmal wiederholt und nach dem C-Teil nochmal. Für weitere Wiederholungen gibt es keine Regeln.

Die folgende Grafik zeigt den Ablauf einer traditionell 3-teiligen Form in C-Dur.

A-Teil in C-Dur
B-Teil in G-Dur
C-Teil in F-Dur

Beispiele

Boarischer (Trad.)

(aus dem Lehrbuch: Gitarrenbegleitung 1)
Boarischer: 8-taktig
Folge der Teile: A A B B A C C A

A-Teil: C-Dur – gradaus 1
|C|G7|G7|C|
|C|G7|G7|C|
B-Teil: G-Dur – verkehrt
|D7|G|D7|G|
|D7|G|D7|G|
C-Teil: F-Dur – gradaus 1
|F|C7|C7|F|
|F|C7|C7|F|

Steffibauer-Walzer (Trad.)

(aus dem Lehrbuch: Gitarrenbegleitung 1)
Halbwalzer: 16-taktig (B-Teil: 8-taktig)
Folge der Teile: A A B B A C C A

A-Teil: C-Dur – gradaus 1
|C|C|G7|G7|
|G7|G7|C|C|
|C|C|G7|G7|
|G7|G7|C|C|
B-Teil: G-Dur – verkehrt
|D7|G|D7|G|
|D7|G|D7|G|
C-Teil: F-Dur – gradaus 1
|F|F|C7|C7|
|C7|C7|F|F|
|F|F|C7|C7|
|C7|C7|F|F|

Mehrteilige Form

Ein mehrteiliges Stück, das aus ein- oder zweiteiligen Einzelstücken zusammengesezt ist, wird auch als »Partie« bezeichnet: »Halbwalzerpartie« oder »Landlerpartie«. Die dann aneinandergereihten Teile werden durchnummeriert und jeweis wiederholt. Sie können in der gleichen Tonart sein oder in Quertschritten aufeinander folgen (siehe Quintenzirkel).

Beispiel

Halbwalzerpartie (Trad.)

(aus Gitarrenduo · Folge 1)
Halbwalzer: 16-taktig (Teil 1*: 32-taktig)
Folge der Teile: 1 1 2 2 3 3 4 4 5 5

Teil 1*: A-Dur – gradaus 2
|A|A|A|A|
|A|A|E7|E7|
|E7|E7|E7|E7|
|E7|E7|A|A|
|A|A|A|A|
|A|A|E7|E7|
|E7|E7|E7|E7|
|E7|E7|A|A|
Teil 2: D-Dur – gradaus 1
|D|D|A7|A7|
|A7|A7|D|D|
|D|D|A7|A7|
|A7|A7|D|D|
Teil 3: D-Dur – verkehrt
|A7|A7|D|D|
|A7|A7|D|D|
|A7|A7|D|D|
|A7|A7|D|D|
Teil 4: G-Dur – verkehrt
|D7|D7|G|G|
|D7|D7|G|G|
|D7|D7|G|G|
|D7|D7|G|G|
Teil 5: C-Dur – gradaus 1
|C|C|G7|G7|
|G7|G7|C|C|
|C|C|G7|G7|
|G7|G7|C|C|

*) Der erste Teil (Teil 1) ist 32-taktig und verdoppelt die 16-taktige Folge gradaus 2.

Quintenzirkel

Quintenzirkel

Der Quintenzirkel (im Uhrzeigersinn) oder auch Quartenzirkel (im Gegenuhrzeigersinn) zeigt den theoretischen Zusammenhang sämtlicher Tonarten. Die zwölf unterschiedlichen Tonarten überschneiden sich bei Fis- und Ges-Dur (Quintenzirkel unten!). Beziehungsweise wird Fis enharmonisch gleich Ges genannt, die Tonarten sind praktisch identisch. In Klammern ist die Tonbezeichnung in der englischen Schreibweise.

Boarischer (langsame Polka)

aus dem Lehrbuch: Alpenländische Gitarrenmusik / Gitarrenbegleitung 1

Noten/Tab

Begleitakkorde


Basisbegleitung

Der Boarische wird im 2/4-Takt notiert und in Grund- und Nachschläge aufgeteilt. Die Grundform ist 8-taktig.
Grundschläge: Wechselbass
Nachschläge: dreistimmige Akkorde


Begleittechnik

Die in Klammern gesetzten Finger zeigen das Abstoppen, beziehungsweise das Dämpfen der Saiten an (a = Ringfinger, m = Mittelfinger, i = Zeigefinger, p = Daumen).

Beachte: Der Daumen dämpft mit der Daumenkante und die Finger durch das Aufsetzen auf die Saiten. Der einfache Schluss endet auf dem zweiten Grundschlag, Bass und Akkordtöne werden zusammen angeschlagen und ausgehalten. Der Bass soll beim 4-stimmiger Akkord nicht untergehen, beziehungsweise lauter klingen als die Akkordtöne (a m i) darüber.


Basisbegleitung: gradaus 2

Mit gradaus 2 wird die 8-taktige Akkordfolge bezeichnet, die mit der Tonika (1. Stufe) beginnt und diese dann 2 Takte dauert.

gradaus 2
|C|C|C|G7|
|G7|G7|G7|C|
|C|C|C|G7|
|G7|G7|G7|C|

Gitarrenbegleitung 1

Lehrbuch von René Senn

Grundlegende Begleittechniken für Walzer (Halbwalzer), Polka, Boarischer, Landler und Liedweisen, in den für die Gitarre gebräuchlichsten Tonarten (E-, A-, D-, G-, C- und F-Dur).

  • Lehrbuch mit Noten und Tabulaturen · 156 Seiten
  • Begleittechniken
  • Bassläufe
  • Praktisches Begleiten
  • Theorie
  • Videoclips online
  • Hörbeispiel / Backing Tracks online

Im Anhang sind einfache einstimmige Spielstücke, die in sämtliche Tonarten transponiert werden können und zwei dreiteilige Originalbeispiele – Boarischer (Trad.) und Steffibauer-Walzer (Trad.)

Das Lehrbuch ist als PDF-Datei oder Notenheft mit Ringbindung im Online-Noten-Verlag erhältlich. Lernvideos und Hörbeispiele können online abgerufen werden.

Praktische Gitarrenbegleitung

Grundsätzlich unterscheide ich zwischen dem »Mitspielen« und dem »Dazuspielen« einer Begleitung. Mitspielen heißt, mit einer Begleitung unisono (gleichstimmig, übereinstimmend) spielen. Dazuspielen heißt, eine Begleitung zu einer (unbegleiteten) Melodie spielen.

»Mitspielen«

Gitarrenbegleitungen von Gitarrenspieler/-Innen nachzuspielen ist ein unumgänglicher Weg um Ispirationen zu holen und sich weiter zu entwickeln.

»Dazuspielen«

Um Gitarrenbegleitungen praktisch Üben zu können, sind unbegleitet Melodien die ideale Voraussetzung. Man findet sie da, wo man sie nicht vermuten würde.

Praxis

Um mit Gitarrenbegleitungen, im Zusammenspiel mit verschiedenen Instrumente und Besetzungen, praktische Erfahrungen zu sammeln, gibt es die Möglichkeit über YouTube-Videos mitzuspielen oder dazuzuspielen.

Die Auswahl der 12 Spielstücke gibt ein breites Spektrum der alpenländischen Volksmusik in Bayern und Österreich wieder. Sei es, von Hubert Fuchs der perfekt langsam gespielte »Harfen Boarischer«, der mit dem Harfenduo Geierstanger-Zimmermann erfrischend gespielte »Saurer Landler«, der von den D'Stommtischsänger herzergreifend gesungene Jodler in »s'Diandl is wunderschee«, oder der von Rudi Pietsch, Herbert Pixner und Martin Regnat mitreißend gespielte Baorische »Die lustige Schwoagerin«.